Oldtimer & Politik

Autor: Wolfgang Brandstetter


Wolfgang Brandstetter über eine vertrauenschaffende Liebhaberei

Oldtimer als Eisbrecher im Kreml

Herbst 2015 Eine österreichische Regierungs- delegation, der ich als Justizminister angehöre, befindet sich unter Führung von Bundespräsident Dr. Heinz Fischer auf Staatsbesuch im Kreml. Mit dabei auch eine größere Wirtschaftsdelegation und auf russischer Seite Präsident Putin, Ministerpräsident Medwedew sowie der in Österreich damals gerade zugunsten einer hohen Funktion im Außenministerium in Moskau abgelöste russische Botschafter Netschaew und sein Nachfolger als Botschafter in Wien, Dmitrij Ljubinskij. 

Nach den üblichen Freundschaftsfloskeln in netter Atmosphäre spricht unser Bundespräsident ein ernsteres Problem an und setzt sich sehr konsequent und in der Sache hart für die berechtigten Interessen eines niederösterreichischen Unternehmens ein, das für Moskau eine Abwasser-Entsorgungsanlage gebaut, aber das vereinbarte Entgelt nicht bekommen hatte.

An diesem Punkt trübte sich die Stimmung. Putin erklärte, er werde dazu nichts sagen, sondern die Antwort dem Ministerpräsidenten Medwedew überlassen. Dieser erklärte knapp, dass diese Angelegenheit Sache der russischen Gerichte sei und man der russischen Justiz vertrauen möge.

Die Stimmung war auf dem Tiefpunkt. Ich dachte mir, dass sich die Gesprächsatmosphäre schnell verbessern muss und meldete mich, weil ja die Justiz angesprochen war, zu Wort.

Ich griff das Statement Medwedews auf und sagte, dass wir natürlich Vertrauen in die russische Justiz hätten, weil Russland ja auch ein Mitgliedsstaat der Europäischen Menschenrechtskonvention sei, und dass wir ohne dieses Vertrauen ja auch keine Straftäter nach Russland ausliefern dürften, was wir aber tun, weil wir dieses Vertrauen haben. Und dann erwähnte ich, dass erst wenige Wochen zuvor auch die russische Seite in ganz besonderer Weise ihr großes Vertrauen in die österreichische Justiz bewiesen habe, als Botschafter Netschaew gemeinsam mit mir russische Soldatengräber im Waldviertel besichtigte, die ich ihm zeigen wollte. Dabei stießen wir in Sigmundsherberg zufällig auf russische Oldtimer, deren Besitzer das Motorradmuseum besichtigten, und mithilfe von Prof. Fritz Ehn kam es zu einer kurzen Ausfahrt mit einer russischen „Ural“-Beiwagenmaschine. Ich saß am Steuer, und Botschafter Netschaew setzte sich in den Beiwagen, und das, so sagte ich, wäre natürlich auch ein ganz besonderer Vertrauensbeweis des russischen Botschafters in den österreichischen Justizminister gewesen.

Die erhoffte Wirkung trat ein. Entspanntes Lachen, Schmunzeln, und Putin – ebenfalls lächelnd – erklärte, er glaube das nicht, weil er sich nicht vorstellen könne, dass Botschafter Netschaew in so einen Beiwagen passen würde. Ich erklärte, dass ich das beweisen könne und zeigte Putin auf meinem Handy das Foto, was ein Mitarbeiter geistesgegenwärtig fotografierte. Und als ich zum Schluss erklärte, dass ich auch im kommenden Jahr mit dem neuen russischen Botschafter Ljubinskij diese Soldatengräber besichtigen und mit einem Wolga M 21 an der Ausfahrt der Oldtimer aus dem früheren Ostblock („Ostalgia“) teilnehmen wolle, mit dem Botschafter am Steuer und mir als Beifahrer, um das Vertrauen Österreichs in die russische Seite auch auf diese Weise zu dokumentieren, lachte Putin und zeigte sich darüber sehr erfreut. Die Gespräche gingen nun in deutlich besserer Stimmung weiter.

Später erklärte mir der russische Botschafter, dass Putin sich sehr gefreut habe, als ich die geplante Ausfahrt mit dem Wolga M 21 erwähnte, weil er selbst einen solchen Oldtimer besitze, den er hegt und pflegt, und deshalb wäre die Erwähnung dieses Fahrzeuges ein „Volltreffer“ gewesen.

Ich wusste vorher nicht, dass Putin sich für Oldtimer interessiert und seinen Wolga M 21 mit derselben Freude bewegt wie wir unsere Klassiker. Es ist schön, das zu wissen, und es schafft Sympathie, die man jedem Oldtimerfreund grundsätzlich und gerne entgegenbringt.

Der Gräberbesuch mit Botschafter Ljubinskij fand erst einige Jahre später statt, als es die „Ostalgia“-Oldtimerausfahrt leider nicht mehr gab und kein Wolga M 21 mehr zur Verfügung stand. Aber dennoch zeigte sich dabei die positive und völkerverbindende Wirkung von Oldtimern. Ich zeigte dem Botschafter nach den Kriegsgräbern auch das Kraftfahrzeugmuseum in Sigmundsherberg. Ich wusste, dass sich in diesem bemerkenswerten Sammelsurium, das Otto Pessl dort geschaffen hat, auch alte russische Staatslimousinen vom Typ „Tschaika“ befinden, die ich dem Botschafter zeigen wollte. Er und seine Gattin waren echt begeistert von jenem Fahrzeugtyp, den sie sich, wie sie uns erzählten, seinerzeit zu ihrer Hochzeit gemietet hatten und schwelgten beide in schönen Erinnerungen.

Ich hatte zum Abschluss noch eine Überraschung für den Botschafter vorbereitet, die sich auch als „Volltreffer“ entpuppte. Vor dem Museum wartete mein Freund Rudi Stohl, der mit seiner Rallye-Lada legendäre Erfolge feierte, um mit dem Botschafter in seiner Lada eine Runde zu drehen.

Diese Szene werde ich nie vergessen. Der Botschafter war sichtlich bewegt und fragte mich, woher ich wusste, dass er eine ganz besondere Beziehung zur „Lada“ hätte. Ich wusste nicht, was er meinte, bis er es mir dann erklärte: Er selbst wurde in Turin geboren, weil sein Vater ein führender Ingenieur war, der die Transferierung der Fiat-Produktionsanlagen nach Togliattigrad und die Adaptierung des Fiat 124 zur „Lada“ steuerte. Entsprechend groß war die Freude von Botschafter Ljubinskij, als er selbst Rudi Stohls Lada gekonnt steuern durfte, und ich saß voller Freude und in vollem Vertrauen auf seine Fahrkünste hinten.

Oldtimer schaffen Sympathie und Vertrauen, auch in der Politik, wo das sehr hilfreich sein kann. Das hat nichts mit Naivität gegenüber den oft harten Fakten zu tun, denen man sich stellen muss. Natürlich muss man gerade als Justizminister eines Mitgliedsstaates der EU rechtsstaatliche Standards verteidigen und auch von seinen ausländischen Gesprächspartnern konsequent einfordern. Aber jede Möglichkeit, einen konstruktiven Dialog auch über stark gegensätzliche Standpunkte hinweg zu führen, ist gut und bringt uns weiter, und die Oldtimer waren da immer sehr hilfreich (siehe dazu auch den Artikel über den Staatsbesuch in China, Austro Classic 5/2020).

Beim ersten Gipfeltreffen zwischen dem amerikanischen Präsidenten Joe Biden, der selbst Oldtimer besitzt, und dem russischen Präsidenten Putin könnte es jedenfalls ein unverfängliches und angenehmes Thema geben: die eigenen historischen Fahrzeuge …

Oldtimer bringen eben die Menschen zusammen und zaubern ein Lächeln ins Gesicht.
Austro Classic beweist das mit jeder Ausgabe!


 


 


 


 


 


 

Bruno Kreiskys Rover & Käfer

Altbundespräsident Dr. Heinz Fischer ist bekannt als brillanter Jurist und hervorragender Diplomat, aber er ist auch nicht ganz frei von automobilen Leidenschaften, was ihn noch sympathischer macht. Unter der Motorhaube bevorzugte er ein „cuore sportivo“, zuerst in einer Giulia Super und später in einer Alfetta. So zeigte er auch im automobilen Bereich Freude an Leistungspotential, Stilsicherheit und Eleganz.

Für mich als parteifreier Justizminister (Dezember 2013 bis Dezember 2017) war er ein besonders wichtiger und hilfreicher Gesprächspartner, der sich auch in juristische Fachthemen mühelos einbringen und kraft seiner Autorität so manche Schwierigkeit im innerkoalitionären Alltag lösen konnte. Gemeinsam war uns das rechtshistorische Interesse an der „Ära Broda“ und den damaligen Strafrechtsreformen, über die wir uns oft unterhielten. Wohl aufgrund meines Interesses für diese historisch interessante Epoche in der österreichischen Justizgeschichte überreichte mir Bundespräsident Dr. Heinz Fischer eines Tages ein ganz besonderes Buch aus seinen privaten Beständen: die 1974 vom Justizministerium herausgegebene „Dokumentation zum Strafgesetzbuch“ mit Brodas Unterschrift und einer persönlichen Widmung „für Heinz Fischer“, in welcher der damalige Justizminister Dr. Christian Broda den damaligen Klubsekretär des SPÖ-Parlamentsklubs Dr. Heinz Fischer „an die interessanten Gespräche im SD 1“ erinnerte.

Ich freute mich sehr über dieses für mich als Strafrechtler besonders reizvolle Stück österreichischer Zeitgeschichte, und Heinz Fischer meinte, er müsse mir jetzt noch erklären, was „SD 1“ bedeute. Ich erwiderte, dass es sich dabei wohl nur um den „Rover SD 1“ handeln könne, Kreiskys letztes Dienstfahrzeug, das auf die SPÖ zugelassen war. Ich fügte hinzu, dass ich sogar wüsste, wo sich dieses Fahrzeug heute befindet, nämlich in Rudolf Kollers großartigem Oldtimermuseum am Heldenberg.

Selten habe ich als Justizminister meinen Bundespräsidenten durch meine Fachkenntnisse derart beeindruckt wie in diesem Moment.

Heinz Fischer freute sich, zu hören, dass dieser „SD 1“ (stand für Rovers damalige „special division no. 1“) überlebt hatte, und so war rasch klar, dass wir gemeinsam mit diesem interessanten Auto fahren wollten.

Dank des Entgegenkommens von Kommerzialrat Rudolf Koller kam es bald zur Ausfahrt am Heldenberg. Heinz Fischer übernahm das Steuer, und ich saß höchst vergnügt im Fonds und genoss den Luxus, den Altbundespräsidenten als Chauffeur zu haben. Heinz Fischer wiederum genoss es sichtlich, mit dem Rover (Bauzeit 1976–1986) wieder in die Zeit der Ära Kreisky einzutauchen und viele persönliche Erinnerungen daran aufzufrischen.

Unsere Vorliebe zu Autos mit Geschichte hatte uns schon im März 2017 bei der Präsentation von Kreiskys „Mallorca Käfer“ im technischen Museum in Wien zusammengeführt.

Mittlerweile sind wir beide schon seit einigen Jahren aus unseren politischen Ämtern ausgeschieden, aber wir stehen nach wie vor in freundschaftlicher Verbindung, nicht zuletzt dank unserer gemeinsamen Interessen und unserer Oldtimeraktivitäten.

Von unserer legendären Ausfahrt mit dem eindrucksvollen „Rover SD 1“ erzählen wir mittlerweile beide unseren Enkelkindern …