„Arschwärmer* aus Österreich“

Autor: Hannes Denzel


ROTH Hilfsmotor 148 ccm Baujahr 1922

„Die Liesinger Motorenfabrik, in der Nähe der Bundeshauptstadt Wien angesiedelt, brachte 1921 einen 118-ccm-Zweitakt-Hilfsmotor auf den Markt, der dem deutschen DKW-Einbaumotor zum Verwechseln ähnlich sah. Geheißen hat der Winzling „Roth“ bzw „Geroth“, was darauf zurückzuführen ist, dass die Liesinger AG. Teil des G. Roth-Konzerns war. Dieser Konzern war hauptsächlich ein Rüstungsunternehmen, nach Ende des Ersten Weltkriegs suchte man aber zivile Produkte. Die Motorenherstellung war nur ein kleines Standbein, auch so artfremde Sparten wie eine Buchdruckerei und eine Fotofirma gehörten zum Konzern.

Obwohl der Roth-Hilfsmotor einige Abnehmer fand (darunter auch D.S.H.), stellte sich das Motörchen für die hügelige Umgebung Wiens doch als zu schwächlich heraus. LAG schob 1924 ein richtiges Motorrad nach, mit dem gebläsegekühlten, auf 148 ccm vergrößerten Nasenkolben-Zweitakter, der wohl auch wieder von DKW gekommen war. Zur Unterscheidung wurde der Hilfsmotor jetzt als B1 bezeichnet, das Leichtmotorrad als B2, die Fahrzeugmarke hieß ab dann LAG.

Soweit der Bericht im Buch „Regenten, Giganten, Titanen & Co – Österreichische Motorradraritäten der Vorkriegszeit“ aus dem Verlag Brüder Hollinek. Als Beispiel für den „österreichischen Arschwärmer“ ist darin lediglich ein Foto eines im Museum Krems Egelsee ausgestellten Exponats enthalten. Seit Veröffentlichung des Buchs ist es aber dem Vorarlberger Sammler und Delta Gnom-Spezialisten Marcus Ammann gelungen, einen Roth-Motor nicht nur zu komplettieren und aufzubauen, sondern auch einsatzbereit auf ein Fahrrad zu montieren, weshalb wir die Einheit hier im Bild zeigen können.

* Der Begriff „Arschwärmer“ steht für Hilfsmotoren, die auf Fahrrad-Gepäcksträgern unmittelbar hinter dem Sitz montiert waren und das Hinterrad antrieben. Als erster verdient hat sich diesen Namen der DKW Himo. Schauen wir uns kurz die Geschichte dieses Hilfsmotors und seiner geistigen Väter an. Zuerst ist da Jörgen Skafte Rasmussen zu nennen, ein Däne, der in Deutschland studiert und sich dann in Chemnitz niedergelassen hat. Dort hat er 1907 eine kleine Weberei erworben, um in diesem Gebäude Granaten zu produzieren. Später hat er versucht, einen Dampfkraftwagen herzustellen (daher der Name DKW), aber über ein Versuchsmodell dürfte er nicht hinausgekommen sein. Erst als Ing. Hugo Ruppe bei ihm einstieg, kam die Sache richtig ins Rollen. Besagter Ruppe stammte nämlich aus einer Familie von Autoherstellern, sein Vater besaß die Autowerke Piccolo und Apollo. Er selbst hatte Erfahrung im Motorenbau als Besitzer der MAF-Werke. Ruppe konstruierte für DKW einen kleinen Zweitaktmotor mit Plattendrehschieber (bis zuletzt blieb DKW dem Zweitaktprinzip treu) und 18 ccm Hubraum. Rasmussen brauchte den Motor, um Kinderspielzeug damit auszustatten.DKW stand jetzt für „Des Knaben Wunsch“. Aber schon ein Jahr darauf, 1919, entstand auf Basis dieses Aggregats ein Fahrradhilfsmotor mit 118 ccm Hubraum und 1 PS Leistung – „Das Kleine Wunder“. Die Zuverlässigkeit und Sparsamkeit dieses Motörchens sprach für sich, und bis 1922 hatte Rasmussen über 25.000 Exemplare absetzen können (mitgerechnet die zweite Evolutionsstufe mit 122 ccm und 1,5 PS). Erst als DKW schon daran dachte, den weiterentwickelten Motor in speziell dafür geschmiedete Rahmen zu versetzten, schlug die Geburtsstunde des österreichischen Arschwärmers.