Eine Nummer größer: Sammeln in 1:18

Autor: Martin Winterle


Nein, liebe Oldtimerfreunde, ich habe weder vergessen, dass ich aus der Matchbox-Liga komme, noch bin ich meiner Liebe zu den alten Modellen in 1 : 43 untreu geworden. Nur, ich bin wie die viel zitierte Jungfrau zum Kind gekommen, und das kam so:

Mein Nachbar machte mich kürzlich mit einem Brüderpaar bekannt. Beide Herren waren über 80 Jahre alt und sehr gewinnende Persönlichkeiten. Nicht ganz unvermögende Weltreisende aus einer anderen Zeit. Der Jüngere hatte bereits als junger Mann Bausätze in Modelle verwandelt, diese gingen dann in späterer Folge aber auf irgendeine mysteriöse Art und Weise verloren. Vor etwa 20 Jahren entdeckte er diese Leidenschaft erneut und begann mit dem Aufbau einer gewaltigen Sammlung, diesmal aktuell erhältlicher Diecast-Autos in 1 : 18.

Modelle, deren Originale die Herren in natura chauffierten, wurden gleich in allen denkbaren (Lack-)Varianten angeschafft. Zu ihrem Fuhrpark in 1 : 1 zählten in den Jahren 1950–1980 u.a. Packard, Bentley, Cadillac, Maserati, Facel-Vega und sogar ein Mercedes-Benz 600. Ich durfte mir die Fotoalben durchblättern – ein Wahnsinn! Von der Cote d’Azur über London bis Paris und Genf, stets passend gekleidet und darüber hinaus perfekt motorisiert. Wer in den 1950er-/1960er-Jahren in der ersten Reihe der internationalen Modebranche geigte, war zweifelsfrei vermögend.

Wie erwähnt, kam dieser Sammlerfreund ursprünglich aus der Riege der Bausatzkünstler und Veredler, war zudem Designer, hatte aber übersehen, dass zwischenzeitlich Jahrzehnte ins Land gezogen waren. Neuzeitliche Diecast-

Modelle muss man nicht mehr zwangsweise „veredeln“. Schon gar nicht die Preisklasse von Minichamps und Co. Sicher, bei Bburago, Welly, Maisto und ähnlichen fernöstlichen Billigprodukten der letzten 20 Jahre ist nicht viel zu verhauen und mit sauberer, fachkundiger Arbeit im Bereich Innenraum, Fahrgestell und Motorraum lässt sich manches Detail tatsächlich deutlich aufwerten. Warum der Künstler bei seinem Wissen und Können nicht auf die lieferbaren, qualitativ guten Metallbausätze von Bburago (Reihe 7000) zurückgriff und lieber modifizierte, bleibt ein Rätsel.

Ich kam aus dem Staunen nicht heraus, als ich zu sehen bekam, welch edle Materialien verwendet wurden. Das Beste war gerade gut genug. Exklusive Radsätze wurden von Zubehör-Firmen geordert. Hauchfeines Leder für Cabrio-Verdecke verwendet. Edle Stoffe für Auskleidungen von Böden und Kofferräumen verklebt. Ganze Innenräume nach originalen Vorlagen umlackiert. Selbst vor dem Umbau von Coupés und Limousinen in Cabrios schreckte der Mann nicht zurück. Dazu wurden die Modelle komplett zerlegt und (fast immer) wieder perfekt zusammengebaut. So entstanden Unikate, die selbst das heutige, Nischen abdeckende Angebot nicht befriedigen konnte. Liebhaber von Objekten in jungfräulicher Originalverpackung haben für diesen Sammelstil sicher wenig Verständnis – aber – in entsprechenden Schaukästen sehen diese Exponate echt edel aus.

Die mehrere hundert Modelle umfassende Kollektion hatte die Dimension einer kompletten Kleintransporter-Ladung. Da die Originalverpackung nur selten vorhanden war (die Modelle waren ursprünglich in staubdichten, nach Maß gefertigten Schaukästen ausgestellt), mussten passende Kartons erst angefertigt und beschriftet werden. Diese dann zu verladen, zu transportieren und zu lagern, war eine tagelange, logistische Herausforderung.

Wer diese Modelle kennt oder gar selbst sammelt weiß, wie bruchgefährdet sie sind. Würden Wischerarme, Außenspiegel und Antennen nicht schon genug Stresssituationen heraufbeschwören, bringen die Sterne von Mercedes einen Adrenalinschub nach dem anderen. Nun habe auch ich kapiert, warum bei manchen Original-Mercedes der Stern fehlt oder wenigstens schief sitzt.

Diese Sammlung wurde ohne Rücksicht auf den Preis einzelner Exemplare aufgebaut. Gekauft in allen repräsentativen Ladengeschäften von Wien, London, Paris, Florenz, Mailand, Genf und Zürich. So waren praktisch alle Erzeuger, egal ob billige Massenware oder limitierte Auflagen darin enthalten. Selbst Kunstwerke berühmter Kleinserien-Hersteller wie Carlo Brianza usw. fehlten nicht.

Als ich endlich die gesammelten Schätze im Hobbyraum aufgeschichtet hatte, machte ich mich an die Begutachtung, Katalogisierung nach Originalfahrzeugen, Baumustern und Modellherstellern, Lagerung nach Gruppen. Durch die unterschiedlichen Qualitäten lernte ich diese Baugröße erstmals richtig zu verstehen. Nun kann ich jene Sammlerfreunde verstehen, die mit kleineren Maßstäben nichts mehr anzufangen wissen. Die Proportionen sind ganz andere, die Details unbeschreiblich – die ostasiatische Schlampigkeit ebenso. Türen zu öffnen ist bei manchen Modellen wirklich ein Risiko – zwei hatte ich lose in der Hand. Selbst beim Fotografieren für diese Story hatte ein Fiat 500 von Mondo Motors so seine mangelnde Qualität unter Beweis gestellt. Zahlreiche Modelle vertragen buchstäblich das Anschauen nicht.

Sinnvollerweise begann ich meine Studie bei den Einstiegsmodellen von Bburago, Welly, Maisto und dem Rest dieses Qualitätslabels. Wie bei arrivierten Sammlern üblich, suchte ich alle meine verfügbaren Informationen in meiner Bibliothek und im Internet. Begonnen mit Bburago kamen mir auch gleich die Erinnerungen an die ersten 1 : 18er wieder in den Sinn. Kaum zu fassen, dass es 42 Jahre her sein soll, dass am Brenner im Spielwarenladen die ersten wirklich großen Modelle zu sehr ansprechenden Preisen feilgeboten wurden.

Vorher gab es das nicht.

Gott im Himmel, waren wir damals jung.

Das erste Modell soll 1978 der Mercedes SSK 1928 (Art.-Nr. 3009) oder der SSKL gewesen sein. Unglaubliche 40 Jahre später war dieser immer noch lieferbar. Qualitativ hat das China-Produkt mit dem Original aber außer dem Namen nicht mehr viel gemeinsam. Stellt man beide Modelle nebeneinander, werden die Unterschiede fühl- und sichtbar. Diese unnötige Praxis erzeugt Kopfschütteln, erklärt aber die um vieles höheren Preise für die Urmodelle auf Börsen und im Internet, besonders im perfekten Zustand. Damals war Bburago auch Haus- und Hoflieferant beim renommierten Daimler-Benz-Konzern. Genauso unakzeptabel wie eine Zahnlücke bei Schneidezähnen ist die qualitative Rückentwicklung bei den Jaguar „E“-Modellen. Das Coupé (ehemals Nr. 3038, zuletzt 12044) und das Cabrio (ehemals Nr. 3026 dann 12046): Unter anderem wurden die berühmten Talbot-Rückspiegel auf der charakteristischen Motorhaube ersatzlos gestrichen. Ein absolutes No-Go. So billig kann ein Modellauto gar nicht sein! Sammler bezahlen im Internet derzeit keine zehn Euro für diese Ausführung. Sicher trägt auch der weltweite Internethandel zum Preisverfall bei. Das Überangebot führt dazu, dass Bburago-Modelle heute im Schnitt billiger zu haben sind, als vor 20 Jahren.

Als mit Ferrari, eine der Säulen, auf denen die Firma ruhte, seine Baurechte an Mattel übertrug, geriet Bburago in finanzielle Schieflage.

Wo sind die Zeiten hin, als Autofabrikanten noch Zuschüsse an Modellbauer bezahlten, um an Werbeträger zu kommen? Heute werden sechsstellige Eurobeträge kolportiert, welche angeblich von der Autoindustrie für die Lizenzfreigabe gefordert werden, um Sammlermodelle bzw. Werbemodelle bauen zu dürfen.

Die Einstiegsmodelle unterscheiden sich von der nächsten Qualitätsstufe durch Detailgenauigkeit, verwendete Materialien, Lackierung, Art der Verpackung usw. Wertzuwachs sollte aus realistischer Sicht freilich keiner erwartet werden, aber Freude an den schönen Stücken ist auch eine gute Rendite.

Nichts desto trotz haben diese Produkte eine weltweite Fangemeinde. Lässt sich mit ihnen doch relativ zügig eine nette, für betrachtende Laien auch beeindruckende Vitrinen-Bestückung zusammentragen. In dieser Größe ist leider ein handelsüblicher Schaukasten schnell überfordert. Echt erfüllend kann ich mir persönlich das Sammeln in Schachteln nicht vorstellen und offen in Regale stellen kommt erst recht nicht in Frage. Staub und die Gefahr, dass sich ein Auto auch mal selbständig macht, um als Schrott am Boden zu enden, sind einfach zu groß.