Muskelprotz

Autor: Text und Photos: Roberto Cabiati / A.I.T.E.


Der Fiat 682 war in der unmittelbaren Nachkriegszeit und in den Jahren des Wirtschaftsbooms zusammen mit seinem Bruder, dem Fiat 690 das Symbol des Straßenverkehrs in Italien. Einem Land, das wachsen wollte und sich eine bessere Zukunft erhoffte, was nicht zuletzt durch die Opferbereitschaft der damaligen Lkw-Fahrer mit ihren Fahrzeugen gelang.

Das behauptet jedenfalls Roberto Cabiati, der Präsident von A.I.T.E., der „Associazione Italiana Trasporti d’Epoca“, also dem Verband der italienischen Nutzfahrzeugsammler.

Nicht nur Fahrzeuge machen Geschichte, sondern vor allem die Menschen, die sie erzählen. Und die alten Lkw-Fahrer konnten eine Menge erzählen über ihre Fahrten mit einer Technik, die sie gerne als „Fortuna“ bezeichneten. Was bekanntlich im Italienischen ja sowohl „Glück“ als auch „Schicksal“ bedeutet.

Die Fiat 682 und 690 zählten bei den Fahrern zu den beliebtesten Lkw: Sie waren zwar spartanischer, als die Lancias und OMs, aber sie waren definitiv zuverlässiger und standfester, selbst wenn sie massiv überladen unterwegs waren.

Die Fiat 682 und Fiat 690 werden aufgrund der Form des Frontgrills seit jeher „baffi“ (Schnauzbärtchen) genannt. Die erste Version des Fiat 682 wurde 1952 vorgestellt und ersetzte den Fiat 680: Fiat 682.122, 682.125 und 682N; es folgten die Versionen N1/T1, N2/T2, N3/T3, N4/T4 und diese hatten schon die typische Maske mit dem „Schnauzbart“. Das „N“ hinter „682“ bedeutet übrigens, dass es sich um einen Motorwagen handelt, während die Zugmaschinen ein „T“ hinter der Zahl 682 stehen haben. Aber Vorsicht, Verwirrung ist möglich, da früher das „N“ im Namen vieler Fiat-Modelle „nafta“ (Diesel) bedeutete.

Zum ersten Mal verwendete hier Fiat Blattfedern unter dem Chassis, statt wie bisher seitlich angebracht; eine Lösung, welche für die Modelle der nachfolgenden Generationen beibehalten wurde, also für die Fiat 691 und Fiat/OM 180.

Erstmals gab es auch einen hinteren Längsträger (in C-Form), in dem sich ein Querträger zum Ankuppeln des Anhängers befindet.

Auf komfortable Ausstattung der Fahrerkabine legte man bei Fiat nicht allzuviel Wert, im Vergleich zur ausländischen Konkurrenz fiel das Interieur äußerst spartanisch aus.

Die Kabine des Fiat 682 war eine mit Stahlblech überzogene Holzkonstruktion. Beim Fiat 682.122 befinden sich die Lufteinlässe über den Frontscheiben auf dem Dach der Kabine in der Nähe des klappbaren Anhängerzeichens, während beim Fiat 682.125 die beiden Lufteinlässe über den Frontscheinwerfern positioniert wurden, praktisch auf dem Kühlergrill.

Neu an der Kabine war auch, dass die Frontscheiben nun fixiert waren und nicht mehr wie bisher aufgeklappt werden konnten, um für Frischluft in der Kabine zu sorgen.

Die Sitze im Fiat 682.122 waren für Fahrer und Beifahrer gleich: ohne jede Stoßdämpfung und ohne Kopfstütze. Erst ab dem 682.125 gab es am Beifahrersitz eine Kopfstütze und Armlehnen. Auch zwei kleine Betten gab es optional.

Erstmals gab es nun auch eine vom Fahrersitz aus bedienbare Kühlerjalousie, um je nach Bedarf als Vorbereitung auf Steigungen oder Gefälle die Wassertemperatur im Kühler konstant zu halten.

Der Fiat 682.122 hat einen Sechszylinder-Motor mit 10.170 cm³ Hubraum (Kolbendurchmesser 122 mm) und einen Radstand von 3,8 Metern.

Beim nächsten Modell, dem Fiat 682.125, vergrößerte man den Durchmesser der Kolben auf 125 mm und nahm einige Änderungen an der Karosserie vor.

Der Motor war eine Weiterentwicklung aus dem Motor des Fiat 680, das Getriebe und das Differential waren neu. Der Luftfilter befand sich hinter dem linken Vorderrad und somit teilweise unter dem Beifahrersitz (in Italien wurden Lastkraftwagen rechtsgesteuert gebaut!) bzw. unter der Pritsche. Das war im Fahrerraum sehr laut und störend, und ab der zweiten Serie Fiat 682 N2 wanderte der Filter in die Wagenfront.

Die Versionen 682.122, 682.125 und 682N hat-ten die Türen noch hinten angeschlagen, ab dem 682 N2 Motorwagen und der 682 T2 Zugmaschine war Schluss mit den „Selbstmördertüren“.

Der Bartoletti-Auflieger des Gustavo Rosa

„Corriere Rosa“ ist ein Speditionsunternehmen, das seit über 90 Jahren in der Welt des Transports und der Logistik tätig ist. Die Familie Rosa stammt ursprünglich aus dem Val di Ledro, genauer gesagt aus Molina di Ledro (Trento), einem Dorf auf 700 Meter Seehöhe, das über eine kurvenreiche Straße zu erreichen ist.

Stammvater war Gustavo Rosa, der noch mit einem „Maschinenpark“, bestehend aus Eseln und Pferden, Transporte zwischen dem Val di Ledro und Riva del Garda ausübte: Er brachte Holz ins Tal und das Mehl am Rückweg auf den Berg, ein Beispiel für logistische Effizienz.

1929 begann das motorisierte Abenteuer mit dem Kauf eines Fiat Torpedo und in den Folgejahren eines Ford 1,8 Tonners.

Es kam der Zweite Weltkrieg und mit ihm der neue Fiat 621. Und der Krieg hinterließ seine Spuren. Am 10. Januar 1945 entdeckte ein alliiertes Flugzeug im Rahmen der Operation „Pippo“ in Riva del Garda den – trotz verdunkelter Scheinwerfer – dünnen Lichtschein des von Gustavo gesteuerten Lastwagens, nahm ihn unter Beschuss und verletzte ihn tödlich. Das Geschäft wurde dann von seinem Sohn Pio weitergeführt, der einige Jahre zuvor in das Unternehmen eingetreten war.

Heute ist die Familie Rosa Mitglied der A.I.T.E., Enkel Gustavo (geb. 1951) nimmt mit Unterstützung seiner Frau Claudia immer sehr gerne an verschiedenen Veranstaltungen teil. Gustavo wollte die Restaurierung seines 1968er Fiat 682 T4 mit der Anschaffung eines 1968er selbstlenkenden zweiachsigen Bartoletti-Sattelaufliegers „krönen“.

Gustavo war der erste Lkw-Fahrer gewesen, der Sattelschlepper ins Val di Ledro brachte. Die selbstlenkenden Sattelauflieger von Bartoletti oder Orlandi wurden vor allem von denen gekauft, die auf kurvigen Straßen ihre Fahrten zu verrichten hatten: Durch die besondere Geometrie dieser Spezialauflieger konnte das Überfahren der Straßenmitte in Kehren verhindert und damit das Unfallrisiko reduziert werden. Ein weiteres positives Merkmal dieser Sattelanhänger ist, dass sie viel weniger Reifen verbrauchten. Bartoletti-Auflieger wurden mit zwei oder drei Achsen gebaut. Aber trotz allem war das Lenken solcher Sattelzüge eine Sache für Könner: Wenn man Fehler machte, war der Unfall unvermeidlich.

Normalerweise wurde diese Art von Sattelanhängern von den Unternehmen gleich mitsamt erfahrenen Fahrern erstanden. In Brescia, auf den kurvenreichen Straßen, die zu den verschiedenen Stahlwerken in den oberen Tälern führten, traf man viele von ihnen; dort waren diese Spezialisten mit den besten Sattelanhängern im Einsatz.

Im August 2014 nahm die Familie Rosa am Oldtimer-Festival in Senale-San Felice im oberen Nonstal mit dem frisch restaurierten Bartoletti-Sattelzug teil. Und im April 2017 gab es sogar ein historisches Reenactment auf dem Cisa-Pass unter großer Anteilnahme zahlreicher Lkw-Liebhaber und Besucher.

Derzeit besitzt das Speditions- und Logistikunternehmen rund 80 Sattelzüge, die sowohl auf nationalen als auch auf internationalen Strecken (hauptsächlich Deutschland) verkehren.

Einige Informationen zu Gustavo Rosas Fiat 682 T4:

Baujahr 1968, 6-Zylinder-Reihen-Direkteinspritzer mit 11.548 ccm, 177 PS (130 kw) bei
1.900 U/min, 8-Gang-Getriebe (4 normal + 4
reduziert) und 2 Rückwärtsgänge, Servolenkung, 12,00 R20-Bereifung, 250-Liter-Dieseltank, Spitze 65 kmh, maximale Steigung, die bei Volllast überwunden werden kann: 18%
Radstand 3300 mm, Länge 5,60 m
Anhängegewicht 32.000 kg
Eigengewicht der Zugmaschine: 6.200 kg
Pneumatisches Druckluftbremssystem,
halbelliptische Blattfederung und hydraulische Stoßdämpfer

Die „Associazione Italiana Trasporti d‘Epoca“

der Italienische Verband für Oldtimertransporte kurz A.I.T.E. hat ihren Sitz in Genua und hat es sich zum Ziel gesetzt, das reiche Nutzfahrzeug-Erbe Italiens - LKW, Busse, zeitgenössische Photos, Dokumente, etc. ... - zu bewahren.

Vor (und jetzt auch wieder nach) Corona veranstaltet die A.I.T.E. internationale Treffen, zu denen auch Nutzfahrzeugenthusiasten aus dem Ausland (und Österreich liegt ja ganz in der Nähe) willkommen sind.

Im April 2019 durften Ulli und Wolfgang Buchta beim „Raduno di Camion“ in Bergamo dabei sein - ein beeindruckendes Erlebnis!

Auch für PKW-Fahrer!

Associazione Italiana Trasporti d‘Epoca (A.I.T.E.)
Casella Postale 80740
16145 GENOVA
Italia
e-Mail: info@trasportidepoca.it
Web: www.trasportidepoca.it