Die seltsamen Automobile des Sig. Taruffi

Autor: Text: Wolfgang M. Buchta | Photos: Ulli Buchta-Kausel


Der O.S.I. Bisiluro Silver Fox

Der 1906 in der Nähe von Rom geborene Pierino Antonio Alberto „Piero“ Taruffi war nicht nur ein vielseitig begabter Rennfahrer auf zwei und vier Rädern, sondern auch ein ambitionierter Ingenieur, der jahrelang für die Erfolge von Gilera verantwortlich war.

Ihm war zweifellos klar, dass der Luftwiderstand eines (Renn-)Wagens (unter anderem) von zwei Faktoren abhing: Vom Luftwiderstandsbeiwert der Karosserie, gerne als cw-Wert bezeichnet und von der Autowerbung strapaziert wird, und der Stirnfläche des Fahrzeuges (von der die Werbung nicht so viel schreibt). Wenn man letztere vielleicht verkleinern könnte …

Gesagt, getan – der ob seiner weißen Haarpracht auch „volpe argentata“ (= Silberfuchs) genannte Taruffi ließ sich 1949 ein mehrrumpfiges Rekordfahrzeug patentieren, das in den 1950er-Jahren als Tarf I (rechts saß ein Gilera 500 Vierzylinder mit 65 PS und links der Silberfuchs) am 14. Oktober 1954 mit 201 km/h einen Stundenweltrekord in der Klasse bis 500 cm³ aufstellen konnte.

Das selbe Prinzip verfolgte der gleichzeitig gebaute Tarf II, der mit einem Maserati-Motor mit 1720 cm³ Hubraum am 20. März 1951 den fliegenden Kilometer mit 298,507 km/h durcheilte.

15 Jahre später griff Taruffi die Idee des Doppelrumpffahrzeugs – diesmal für ein Projekt für das 24-Stunden-Rennen von Le Mans wieder auf. Der Wagen sollte dem berühmten Appendix J des International Sporting Code der FIY entsprechen und war als Gruppe 6 Sports-Prototype konzipiert: Zweisitzer mit den vom Reglement vorgeschriebenen Platzverhältnissen, einem Tankinhalt von 80 bis 100 Liter und mit einem Hubraum von 1.000 bis 2.000 ccm, einem „Kofferraum“ von 60 x 40 x 20 cm und einem Reserverad. Auch die Höhe der Scheinwerfer, die Größe von Windschutzscheibe und Türen sowie die Bodenfreiheit waren genauest geregelt.

Karosseriebauer für den „Bisiluro Silver Fox“ genannten Wagen war die „Officine Stampaggi Industriali“ (OSI), ein kleiner und kurzlebiger Karosseriebauer, den Luigi Segre – der „Vater“ des Karmann-Ghia – 1960 in Turin gegründet hatte.

Der O.S.I. Bisiluro Silver Fox – wie der Wagen mit vollem Namen heißt – ist als „Doppeltorpedo“ ausgeführt; im linken Rumpf befindet sich hinter einem knapp bemessenen Beifahrersitz ein Motor von Renault Alpine mit 1 Liter Hubraum und einer Leistung von 100 PS.

Im rechten Rumpf hat der Fahrer seinen Arbeitsplatz. Warum rechts gesteuert? Le Mans wird – wie auch die meisten anderen Rennstrecken – im Uhrzeigersinn gefahren und hat daher mehr Rechts- als Linkskurven, und sitzt der Fahrer an der Kurveninnenseite, ist seine Sicht besser … 

100 PS, das klingt für einen Le Mans-Rennwagen der späten 1960er-Jahre nicht gerade beeindruckend – der Ford GT 40 hatte zu dieser Zeit bis zu 500 PS –, aber der Silver Fox war extrem leichtgewichtig (Fiberglaskarosserie über einem Gitterrohrrahmen) und windschnittig. Von den drei Flügeln zwischen den beiden „Rümpfen“ konnte der vordere im Stehen verstellt werden, der mittlere sogar während der Fahrt und der hinterste diente als Luftbremse. Der Windkanal am Polytechnikum Turin ermittelte für den Wagen eine theoretische Spitzengeschwindigkeit von über 240 km/h und einen für die Zeit bemerkenswerten cw-Wert von 0,259. 

„Theoretisch“ ist überhaupt ein gutes Stichwort zum Thema Silver Fox, denn Anfang 1968 war das „Abenteuer OSI“ wegen Geldmangel zu Ende, und der Silver Fox war nur theoretisch fertig. Zu einem Start in Le Mans (oder irgendeinem anderen Renneinsatz) sollte es nie kommen …

Dafür, dass der Silver Fox eigentlich ein Auto war, dass es (fast) gar nicht gab, hatte er in den Kinderzimmern der Zeit – als Modell und auf Quartettkarten – eine erstaunliche Präsenz.

Und einen Österreich-Bezug gibt es natürlich auch: 1967/68 war der Österreicher Werner Hölbl – bei uns vielleicht besser bekannt für den Puch Adria TS – als Chefdesigner bei OSI tätig und damit in die Kreation des Silver Fox involviert.

Nach der Pleite von OSI kam der Silver Fox – ohne Motor und Getriebe, aber inklusive aller Konstruktionszeichnungen – in Sammlerhände, wo er über die nächsten zehn Jahre oder so fertiggestellt wurde.

2013 war das Einzelstück am Goodwood Festival of Speed im Concours zu bewundern und 2025 war der Silver Fox ein rares und obskures Schmuckstück beim Villa d’Este Concours d’Elegance am Comer See und jetzt hat er sein Heim bei Christophe Pund im nordfranzösischen Cassell gefunden, der sich vielleicht davon trennen könnte.

Diese Website verwendet Cookies, um ein gutes Surferlebnis zu bieten

Dazu gehören essentielle Cookies, die für den Betrieb der Seite notwendig sind, sowie andere, die nur zu anonymen Statistikzwecken, für Komforteinstellungen oder zur Anzeige personalisierter Inhalte verwendet werden.
Sie können selbst entscheiden, welche Kategorien Sie zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass aufgrund Ihrer Einstellungen möglicherweise nicht alle Funktionen der Website verfügbar sind.

Diese Website verwendet Cookies, um ein gutes Surferlebnis zu bieten

Dazu gehören essentielle Cookies, die für den Betrieb der Seite notwendig sind, sowie andere, die nur zu anonymen Statistikzwecken, für Komforteinstellungen oder zur Anzeige personalisierter Inhalte verwendet werden.
Sie können selbst entscheiden, welche Kategorien Sie zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass aufgrund Ihrer Einstellungen möglicherweise nicht alle Funktionen der Website verfügbar sind.

Ihre Cookies-Einstellungen wurden gespeichert