Dornröschen ist ungeküsst erwacht

Autor: Hannes Denzel


Hannes Denzel über einen Steyr Fiat 1400 B aus 1956

”Völlig unverbastelt!“ „Lückenlos belegte Dokumentation!“ „Originallack und -zustand bis zur letzten Schraube!“ Das sind Attribute, wie man sie in Inseraten von angebotenen Oldtimerfahrzeugen findet und die auch ein scheinbar biederes Alltagsauto einer früheren Epoche wertvoll machen – leider halt nur in wenigen Fällen auch zutreffen.

Völlig außer Streit ist diesbezüglich der hier gezeigte Steyr Fiat aus dem Jahr 1956. Die Steyr Puch AG hatte die Type 1400 seinerzeit in Kooperation mit Fiat unter Doppelnamen angeboten, recht viel mehr als der Schriftzug auf dem Heck und das Bakelit-Typenschild in Lenkradmitte und auf dem Zierblech auf der Motorhaube dürfte damals in Steyr aber nicht hergestellt worden sein (im Gegensatz zum Zweilitermodell, bei dem der Motor im eigenen Haus entstand und auch in Lastwägen verbaut worden war). Der 1400er ist also etwas, das heute mit dem Begriff „Badge Engineering“ bedacht werden würde. Aber lassen wir darüber den Besitzer des Wagens – Manfred L. – selbst berichten:

„Sie sind ganz rar geworden, die Steyr-Fiats der 50er-Jahre, nur eine Handvoll dürfte überlebt haben. Ende der 50er-Jahre fuhren sie – speziell die letzten Typen 1400 B von der seit 1950 gebauten Modellreihe – als Dienstwagen bei Bezirkshauptmannschaften und als Taxi, allerdings einfarbig in dunkelblau. Privatkunden dagegen hatten eine vielfältige Zweifarbenpalette zur Auswahl. Motorisiert mit einem 1,4 Liter großen und 54 PS leistenden Reihenvierzylinder-Ottomotor (wahlweise gab es auch Dieselmotoren mit 1900 ccm und 40 PS) war der dem amerikanischen Stil nachempfundenen, sechssitzigen Limousine in ganz Europa großer Erfolg beschieden. Zweifarblackierung, Chromapplikationen, angedeutete Heckflossen, Weißwandreifen – das kam an beim Publikum, nicht nur in Österreich.

Auf dem Genfer Automobilsalon 1950 nämlich war dieses Modell eine Sensation mit der neuartigen Pontonkarosserie, lediglich der Hansa 1500 war ähnlich ohne Trittbretter unterwegs. Der Motor mit seiner modernen Charakteristik – eine Neukonstruktion mit im Zylinderkopf hängenden Ventilen – unterschied sich wesentlich vom Mitbewerb. So konnten zum Beispiel Mercedes und Ford mit ihren alten, seitengesteuerten Vorkriegsmotoren nicht mithalten.

Vom Fiat-Stammwerk in Turin abgesehen gab es noch Produktionen in Belgien und Lizenz-Vereinbarungen mit Seat in Barcelona und: Steyr in Österreich! Der hier gezeigte Wagen wurde laut Typenschein bei der STEYR-DAIMLER-PUCH Aktiengesellschaft im Werk Steyr O.Ö. zusammengebaut und am 1. Oktober 1956 von der Steyr Fiat-Vertretung Fa. Jokisch Linz an den Inhaber eines Modehauses in Linz Landstraße 76 ausgeliefert. Der neue Besitzer des Wagens (Hermann V.) benutzte das Auto nur an Wochenenden in der warmen Jahreszeit für Fahrten an den Attersee, bis es 1972 abgemeldet, abgestellt und gut eingelagert wurde. Nach dem Ableben Herrn V.’s waren seine Erben ganz erstaunt, dass zu dem Anwesen auch ein motorisiertes Dornröschen in der Tiefgarage existierte, von dem niemand mehr gewusst hatte.

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