Wellblech-Charme über Venedig
Autor: Text: Jürgen Schelling | Photos: Uwe Stohrer
Das in Deutschland gebaute Ultraleichtflugzeug A50 Junior von Junkers will jetzt Italien von Venedig aus erobern.
Es ist Sommer des Jahres 1926. Auf dem gerade frisch eröffneten Flugplatz Nicelli, als Verkehrsflughafen für Venedig konzipiert und der erste überhaupt in Italien, beginnt die Ära des zivilen Luftverkehrs. Der Airport ist auf der Lagune Lido di Venezia nur vier Kilometer vom Markusplatz entfernt gelegen. Kurz darauf wird die erste internationale Linienflug-Verbindung für Italien mit Pomp eingeweiht. Venedig ist nun durch die Transadriatica, ein Vorläufer der Alitalia, im Direktflug mit der österreichischen Hauptstadt Wien verbunden. Geflogen wird mit sechssitzigen Junkers F13. Die in Dessau gebaute Einmotorige ist damals die am weitesten verbreitete Passagiermaschine der Welt und gleichzeitig das erste Verkehrsflugzeug, das komplett aus Metall hergestellt ist.

99 Jahre später im Herbst 2025. Am historischen Nicelli Airport mit seiner gepflegten Graspiste zieht ein junger Pilot eine Propellermaschine vom Hangar auf das Vorfeld. Auf den ersten Blick könnte es ein hervorragend restaurierter Oldtimer sein. Wellblechstruktur und offenes Cockpit sprechen für eine frühe Junkers. Aber Motor und Propeller erscheinen zu fortschrittlich. Im Cockpit stecken hochmoderne Displays. Also ein nagelneues Flugzeug, deutlich kleiner wie die ab den 1920erjahren hier fliegende sechssitzige Junkers F13-Passagiermaschine. Aber es bekennt sich optisch zu seinen Wurzeln. Denn es gab schon einmal eine Junkers A50 Junior – ab dem Jahr 1929.

Anders als eine F13 und die später weltberühmte Ju52 „Tante Ju“ ist der einmotorige Junior damals kein wirtschaftlicher Erfolg. Lediglich 69 Exemplare des offenen Zweisitzers werden in den 1930erjahren im deutschen Dessau gebaut. In der Zeit nach der Weltwirtschaftskrise 1929 hatten die Menschen andere Sorgen, als sich über die Anschaffung eines Flugzeugs Gedanken zu machen. Die damaligen Exemplare bewiesen immerhin, dass selbst mit nur 80 PS Fernflüge möglich sind. So erkundete ein Pilot Afrika mit der Junior. Die deutsche Flugpionierin Marga von Etzdorf schaffte es sogar 1931 in ihrer A50 Junior, von Berlin aus im Alleinflug in mehreren Etappen über Moskau bis nach Japan zu fliegen. Ebenso flog ein japanischer Pilot auch genau diese Strecke mit der A50.

Die völlig neue Junkers Aircraft A50 ist hingegen das Produkt der 2022 gegründeten Junkers Aircraft GmbH aus dem süddeutschen Oberndorf-Hochmössingen nahe des Schwarzwalds. Dort entsteht die komplette Struktur der Ultraleichtflugzeuge im Retro-Look und die Endmontage mit Avionik, Motor und Propeller. Auch die Maschinen für Italien werden hier produziert, aber am Nicelli Airport an Kunden ausgeliefert.
Die Macher hinter diesem Projekt sind der erfahrene Schweizer Flugzeugbauer Dominik Kälin und der deutsche Unternehmer Dieter Morszeck, beide Geschäftsführer von Junkers Aircraft. Morszeck ist langjähriger Pilot und Fan der Junkers-Bauweise aus gewelltem Duraluminium. Er ist zudem Bewunderer des Könnens von Luftfahrtpionier Hugo Junkers und dessen technischen Erfindungen. Beide hatten im schweizerischen Altenrhein auch schon mit Hilfe eines Spezialisten-Teams drei flugfähige Nachbauten der sechssitzigen Junkers F13 zwischen 2016 und 2022 entstehen lassen, die heute bei Airshows in ganz Europa zu erleben sind.

Dass aber die zweisitzige A50 Junior als Neuauflage überhaupt nach historischem Vorbild realisiert werden konnte, liegt an der noch jungen 600-Kilogramm-Klasse innerhalb der ultraleichten Luftfahrzeuge in Europa. Diese durften früher lediglich 472 Kilo beim Abflug wiegen. Das hätte nicht gereicht. Denn leer ohne Pilot, Passagier und Sprit wiegt die Maschine aus gewelltem Duraluminium schon 370 Kilo. Da es heute sowohl in Deutschland als auch Italien aber eine zusätzliche Kategorie mit 600 Kilo Abfluggewicht für Ultraleichtflugzeuge gibt, passt der Junior nun bestens in diese hinein. In Österreich hingegen ist das maximale Abfluggewicht noch auf 472 Kilo beschränkt.

Den mehr als 95 Jahre alten Junior-Entwurf einfach eins zu eins übernehmen zu wollen geht natürlich nicht. Denn Ultraleichtflugzeuge – egal ob mit 472 oder 600 Kilo Abfluggewicht – müssen in Italien ebenso wie in Deutschland oder auch Österreich ein Gesamtrettungssystem aufweisen. Bei diesem schießt im Notfall manuell vom Pilot ausgelöst ein Fallschirm aus dem Rumpf, an dem das ganze Flugzeug zu Boden sinkt. Er sitzt versteckt im Rumpf zwischen den Piloten und macht eine verstärkte Struktur der Zelle an mehreren Stellen notwendig.

Statt des einstigen 80-PS-Sternmotors von vor 95 Jahren ist heute natürlich ein sparsamer Antrieb vorhanden. Das ist ein österreichischer Rotax-Vierzylinder mit Einspritzung. Der weitverbreitete Boxermotor vom Typ 912 iS leistet 100 PS und verbraucht in der Stunde nur etwa 14 Liter Superbenzin. Der Junior erreicht so bis zu 200 km/h. Die Abmessungen mit 9,7 Metern Spannweite und die optische Anmutung entsprechen der Maschine von 1929.

Am historischen Nicelli Airport erwartet Junkers Aircraft Italia, nach einer weiteren Dependance in den USA die zweite Auslandsrepräsentanz des deutschen Flugzeugbauers, und sein engagierter Statthalter sowie Pilot Adrian Mosca potentielle Kunden im frisch eröffneten Showroom. Der ist in der ehemaligen Tankstelle des 99 Jahre alten Flugplatzes untergebracht, dessen Abfertigungsgebäude direkt daneben in einzigartigem und frisch renovierten Art-déco-Ambiente erstrahlt. Beide Gebäude lassen einen wunderbaren Blick direkt aufs Vorfeld zu. Interessenten können hier den A50-Demonstrator probefliegen.

Der Vorteil einer A50 neben ihrem einzigartigen Wellblech-Design in dieser Flugzeugklasse: Zum Fliegen reicht eine italienische Ultraleichtfluglizenz. Die lässt sich in zwei verschiedenen Abstufungen erwerben. Beide sind deutlich preiswerter und schneller zu erlangen als etwa eine Privatpilotenlizenz, die zum Steuern von viersitzigen Cessna, Piper und Co benötigt würde.

In diesem Jahr im August 2026 feiert der einzigartige Nicelli Airport sein 100-jähriges Bestehen. Die drei neugebauten Junkers F13 aus der Schweiz und mehrere A50 Junior sollen aus ganz Europa dazu einfliegen. Damit schließt sich der Kreis 100 Jahre Junkers in Venedig.

