100 Jahre Modellflug
Autor: Text: Jürgen Schelling | Photos: Uwe Stohrer
Ein einzigartiges Schweizer Privatmuseum zeigt die Geschichte des Modellflugs bis heute
Der Schweizer Urs Leodolter hat in seinem Wohngebäude in Russikon nahe Zürich ein privates Museum zur Geschichte des Modellflugs im Untergeschoß aufgebaut. Dort kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wer jemals das legendäre Anfängermodell „Kleiner Uhu“ des schwäbischen Herstellers Graupner oder gar ein ferngesteuertes „Taxi“ gebaut und geflogen hat, wähnt sich schlagartig in seine Kindheit oder Jugend zurückversetzt. Denn der Sammler hat hier die Geschichte des Modellflugs etwa seit den 1920ern in bedeutsamen Teilen dokumentiert. Der Schwerpunkt liegt auf der Zeit der funkferngesteuerten Flugmodelle seit den 1950er-Jahren. So wurden von ihm tausende Exponate aus den USA und Deutschland, der Schweiz und auch Österreich zusammengetragen.

Die akribisch strukturierte Sammlung zeigt flugfertige Modelle, dazu Modellmotoren seit 1926 und mehr als 500 Funkfernsteuerungen von den frühesten Anfängen bis heute. Dazu eine Vielzahl an originalen Baukästen legendärer Modellbaumarken wie Graupner, Robbe, Hegi, Multiplex, Simprop, Schlüter. Zur Einordnung der damaligen Dimension: Allein Graupner stellte von jedem seiner Modelle mindestens 30.000 Bausätze her. Viele dieser Firmen sind wieder verschwunden, denn die Modellflugszene hat sich stark gewandelt. In den 1970ern und 1980ern boomte der Modellflug jedoch in Europa. In ungezählten Vereinen oder einfach auf der nächsten freien Wiese wurden Fesselflug, bei der das Modell an einer Stahllitze „gefesselt“ im Kreis um den Piloten fliegt, Freiflug und natürlich funkferngesteuerte Segel-, Motor- und Hubschrauber-Modelle betrieben.

Es gab in dieser Zeit aber fast nur Glühzündermotoren, also Zweitakter mit Hochdrehzahlen zwischen 1,5 und zehn Kubikzentimeter Hubraum mit bis zu zwei PS, die alle einen ordentlichen Radau machten.

In dieser Ära entstanden aber auch die ersten Flugmodelle mit Elektroantrieb. So besitzt Urs Leodolter gleich mehrere historisch bedeutsame Originale in seiner Sammlung. Etwa einen Prototyp des ersten serienmäßig hergestellten Elektro-Freiflugmodells mit dem bezeichnenden Namen „Silentius“ von 1959. Der Österreicher und damalige Graupner-Chefentwickler Fred Militky hatte es nach einer mehr als zehnjährigen Erprobungsphase erfolgreich zum Fliegen gebracht. Denn Elektromotoren und Akkus verfügten damals noch über einen extrem schlechten Wirkungsgrad. In Serie als Bausatz angeboten wurde es ab 1960; der Propeller wurde vom Käufer wie das ganze nur 150 Gramm leichte Modell aus Balsaholz selbst zusammengebaut. Leodolter besitzt auch einen von Fred Militky 1960 eigenhändig mit einer Einkanalanlage zum ferngesteuerten Modell umgebauten Silentius-Prototyp. Ein weiteres Original, das Modellfluggeschichte schrieb, hängt im Museum an der Decke. Es ist der Prototyp des ersten ferngesteuerten Elektroflugmodells von 1972, das später in Serie gebaut wurde. Dieser zweimotorige Motorsegler mit Druckluftschrauben kam leicht modifiziert als „Hi-Fly“ von 1973 in den Handel und gilt als Revolution im Flugmodellbau.

Urs Leodolter, seit 45 Jahren Modellbauer, ist selbst überzeugter Verfechter des Elektro-Modellflugs und dazu echter Profi: Zweimal war er Weltmeister in der Modell-Elektroflugklasse F5B, dazu x-Male Schweizer Meister. Im Hauptberuf steuert er als Flugkapitän einen Airbus A330.

Selbst Jet-Flugmodelle finden sich in seinem Museum. Aber nicht etwa Düsenflieger mit Kleinturbine, sondern ein Raketenflugmodell nach dem Vorbild der französischen Fouga Sylphe aus dem Jahr 1962. Damals wurden unter dem Namen „Jetex“ kleine Raketenmotoren angeboten. Die darin eingesetzten Treibsätze wurden mit Hilfe einer Zündschnur gestartet. Sobald das Triebwerk loslegte, wurde das Modell der Fouga Sylphe aus der Hand in die Luft geworfen. Es sauste im Freiflug zischend gen Himmel, bis der Treibsatz abgebrannt war.

Dazu finden sich viele auch ganz frühe Funkfernsteuerungen seit 1947. Die hatten damals das Format eines Aktenkoffers und erlaubten anfangs nur die Steuerung des Seitenruders am Modell. Mit einer Tipptaste am Sender wurde der Impuls gegeben, eine Rudermaschine im Modell ging dann auf Vollausschlag. Die Technik wandelte sich bald rasant. Mit Einführung der proportionalen Fernsteuerungen ab den 1960er-Jahren gelang es, die Modelle genau wie das Original feinfühlig mit Höhen-, Seiten- und Querruder sowie einer Motordrosselung zu steuern.

Alle Museumsexponate sind fein säuberlich katalogisiert und dokumentiert. So hat der Schweizer auch seltene Einzelstücke aus der Frühzeit der Modellmotoren in seiner Sammlung, etwa einen Kratmo 10A mit zehn Kubikzentimeter Hubraum von 1938 aus Deutschland. Oder einen Diesel-Selbstzünder aus der Schweiz nach einem Patent von 1928. Aber auch etliche Hirtenberger-Modellmotoren der 1970er-Jahre aus Österreich sind in den Vitrinen zu bestaunen. Ebenso Zwei- oder Viertakter und sogar Wankel der einstigen „Großen Drei“ unter den Modellmotorenhersteller, das waren O.S. und Enya aus Japan sowie Webra aus Deutschland.

Wer durch die Gänge des Museums geht und in die prall gefüllten Vitrinen schaut, ist jedenfalls immer wieder aufs Neue verblüfft. Urs Leodolter gibt interessierten Kleingruppen nach Absprache die Möglichkeit, eine private Führung mit ihm zu vereinbaren. So lässt sich das über mehrere Jahrzehnte hinweg und mit unglaublicher Leidenschaft, aber auch hohem finanziellen Einsatz aufgebaute Privatmuseum am besten entdecken.



