Lang lebe der Jubilar
Autor: Hannes Denzel
Die 800er Puch wird neunzig
Sie ist eines der schwersten je in Österreich gebauten Motorräder des zwanzigsten Jahrhunderts.
Nicht das schwerste, weil in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg gab es mit der Bock & Hollender und der 6/7 HP 900er aus eigenem Haus welche, die hubraumstärker waren und auch in der Zwischenkriegszeit konnte man aus mehreren 1000ern verschiedener heimischer Hersteller wählen, auch wenn die mit englischen Jap bzw. Schweizer MAG-Motoren konfektioniert waren. Aber für Puch-Sammler ist sie der heilige Gral, die P 800, nicht nur wegen des Hubraums und weil sie nach langer Zeit mit Doppelkolben-Zweitaktern das erste Modell wieder mit einem Viertakt-Motor war, sondern auch wegen ihrer Rarität. 1936 auf den Markt gekommen, wird die Vierzylinder-Puch 2026 90 Jahre alt – Zeit also, um sich an sie zu erinnern und das Jubiläum zu feiern. Aber dazu später.

„Sie wäre eine typische Puch, die mit Merkmalen wie dem massiven Rahmen mit dem geschmiedeten Brustrohr, der Pressstahlgabel, der Kupplung im Hinterrad, den Laufrädern mit den großen Innenbackenbremsen, der Beleuchtungsanlage und nicht zuletzt dem aus zwei Hälften bestehenden Kraftstofftank aussieht wie andere Modelle des Grazer Traditionsunternehmens auch, wenn da nicht dieser völlig untypische Motor wäre.

Die 800er Puch hat erstens den einzigen in der Marcellino-Ära selbst entwickelten Viertaktmotor (für die 500er aus 1929 wurde ja ein JAP-Aggregat aus England angekauft), und dann noch dazu ein Vierzylinder! Etwas Vergleichbares bekam man nur bei Zündapp, und genau bei dieser Nürnberger Marke hatten sich die österreichischen Behörden auch bedient gehabt, bevor die Nationalsozialisten Exportbeschränkungen verhängt hatten. Natürlich wollte der geschäftstüchtige Marcellino mit Puch in die Bresche springen und weil die geplante 750er Zweizylinder-Boxer wegen zu starker Vibrationen nicht in Serie gehen konnte, entwickelten die Grazer gleich ein neues Projekt: die P 800! Scheinbar wieder ein seitengesteuerter Boxer, der aber mit einem Öffnungswinkel von 170° in Wahrheit ein extremer Weit-Winkel-V ist. Das sehr laufruhige Aggregat leistete 20 PS bei 4000 U/Min, die Gemischaufbereitung besorgte ein zentral auf dem Motor angebrachter Solex-Vergaser. (Die anfangs verwendete Eigenentwicklung wurde wegen zu ,großen Durstes‘ rasch wieder aufgegeben.) Das Viergang-Getriebe wurde mittels Schaltautomat betätigt – nach erfolgtem Gangwechsel rastete der Handhebel wieder auf neutral ein.

Ab 1936 wurde die graulackierte P 800 bevorzugt an die Behörden (Gendarmerie und Armee) ausgeliefert. Für die wenigen Privatkunden war das Motorrad natürlich in typischem Puch-Design – schwarz mit rotweißen Beschneidungen und rotem Puch-Adler auf den verchromten Tankhälften – lackiert.

Dass nur 550 Einheiten die Werkshallen verließen und die Produktion schon 1938 wieder eingestellt wurde, liegt am Anschluss Österreichs an das Großdeutsche Reich. Die neuen Machthaber verfügten, dass schwere Behördenräder ausschließlich von BMW und Zündapp gebaut werden dürften – den Grazern blieb die Produktion von 250ern und 350ern vorbehalten.

Knapp ein Viertel der 550 gebauten 800er dürfte es noch geben. Die anderen haben wohl die Einsätze im Zweiten Weltkrieg nicht überlebt, wenn auch einige (meist in stark ramponiertem Zustand) zurück in die alte Heimat gefunden haben. Das soll hier aber nicht Thema sein, hier feiern wir die 800er mit Fotos, die überlebende Exemplare in verschiedenen Farben zeigen. Grau für die Behörden, Graugrün und Sandfarben für die Armee, das beige Exemplar gehörte einst einem Bischof, Schwarz war Standard für Privatkunden, Rot vermutlich ein Sonderwunsch (oder für die Feuerwehr?).

Wer die P 800 in natura sehen und mehr über sie erfahren will, kommt am 15. August 2026 zum 2. Treffen österreichischer Vorkriegsmotorräder beim Motorradmuseum Vorchdorf, das 2024 bei der ersten Austragung im Zeichen 100 Jahre Delta Gnom stand – wir haben berichtet. Diesmal ist der 90te Geburtstag der Puch P 800 das Thema; die Veranstalter bemühen sich, so viele Exemplare wie möglich aufs Gelände zu bekommen.

Aber auch andere Puch-Typen von der LM über die 250er bis zu den 500er Zweizylindern sind willkommen. Alle anderen heimischen Marken wie eben Delta Gnom, MT, DSH, LAG, YORK, Titan usw. sowieso.

