Open Tourer
Autor: Hannes Denzel
Sunbeam 20 HP 3,3 Liter Baujahr 1932
Es ist schon ein Riesenvieh von einem Auto. Wenn man in einem modernen PKW auf einer Landstraße unterwegs ist und ihn plötzlich unvermutet über eine Kuppe auf sich zukommen sieht, wird nahezu jeder das Lenkrad instinktiv nach rechts drehen, in dem flauen Gefühl, dass da jetzt nicht Platz für zwei sein kann. Dabei sollte er ja was Positives vermitteln, sollte aufgehen wie ein Sonnenstrahl am Horizont, denn so heißt er ja auch, dieser „Open Tourer“ aus dem Jahr 1932, der aber wie kaum ein anderes Auto sonst den Flair der 20er-Jahre vermittelt.


Gegründet hat die Marke Sunbeam ein Hersteller von Essgeschirr namens John Marston in Wolverhampton. Seit 1887 hat er unter dem Label der strahlenden Sonne Fahrräder gebaut, bei denen schon sein Hang zur höchsten Perfektion zur Geltung kamen. Bei seinen Rädern liefen die Ketten im Ölbad in einem geschlossenen Kettenkasten, „Little Oil Bath“ hieß dieses patentierte System. Seine Fahrräder waren immer schwarz emailliert und mit goldenen Beschneidungen veredelt, was auch für die Motorräder galt, die er ab 1912 auf den Markt brachte – obwohl er sich lange gegen die Herstellung von motorisierten Zweirädern gewehrt hatte. Erste Versuche im Jahr 1903 waren unbefriedigend und wurden abgebrochen, nachdem ein Mitarbeiter zu Tode gekommen war. Anders bei motorisierten Vierrädern, das erste Auto brachte Marston schon im Jahr 1901 auf den Markt, seine Voiturette hatte einen 326 ccm großen Einzylindermotor von Mabley, ihm folgte schon zwei Jahre später ein 12-HP-Vierzylindermodell, abgelöst von einem 25/30 HP starken Sechszylindermodell mit über 5 Liter Hubraum im Jahr 1907.


Zwei Jahre zuvor – also 1905 – war das Unternehmen John Marston Limited in die Sunbeam Motor Car Company Limited umgewandelt worden. Rettungsfahrzeuge und Flugmotoren verschafften dem Unternehmen während des Ersten Weltkriegs ein sicheres Standbein, was aber nach Beendigung des Weltbrands zu einem Beinbruch führte. Sunbeams Automobilzweig wurde von Talbot übernommen und ging in der S.T.D. Motors auf (= Sunbeam Talbot Darracq).

Noch zu Kriegszeiten kam Louis Coatalen als Chefkonstrukteur zu Sunbeam, seine Hauptaufgabe war die Weiterentwicklung der Flugmotoren. Nach dem Krieg kümmerte sich der Allrounder Coatalen aber auch um das Design der neuen Automobillinie, die von der weltweiten Popularität der Weltrekorde für Landfahrzeuge profitierten, die von Coatalens entwickeltem 1000-PS-Wagen namens Mystery (in typisch britischem Humor auch „the Slug“, die Schnecke, genannt) eingefahren wurden. Malcolm Campell und Henry Seagrave holten insgesamt fünf Weltrekorde, die Schnecke ist das erste Landfahrzeug, das – angetrieben von zwei Sunbeam Matable V 12 Flugzeugmotoren mit je 22, 4 Litern Hubraum, Vierventiler mit zwei obenliegenden Nockenwellen, wassergekühlt – eine Spitze von über 200 Meilen die Stunde erreichte. Exakt standen 327,97 km/h in den Rekordlisten. Mystery war auch das erste nichtamerikanische Fahrzeug, das sich auf den brettharten Sandstrand von Daytona Beach in Florida traute. Das Auto gehört heute zur Sammlung des Lord Montague of Beaulieu.


1927 entwickelte Coatalen den Typ 20 HP, einen sportlichen Sechszylinder mit OHV-Motor mit 2916 ccm Hubraum und vierfach gelagerter Kurbelwelle. Das Auto gab es – wie damals üblich – mit verschiedenen Aufbauten. Ein Roadster mit langem Radstand wurde im Jänner 1929 bei der Rallye Monte Carlo eingesetzt und kam bei Schnee und Eis als 15ter ins Ziel – unter nur 24 von 93 gestarteten Fahrzeugen, die bei damals extremen Verhältnissen auch das Ziel erreichten.


Die 20-HP-Modelle waren damals noch mit altmodischen Cantilever-Hinterraddämpfern ausgestattet, die erst 1930 gegen moderne Halbelliptik-Federn ersetzt wurden. Im selben Jahr wurde der Hubraum des 20 HP auf 3317 Kubik vergrößert und so wurde er gebaut bis 1933, bevor er vom Speed Twenty abgelöst wurde, dessen Produktion aber nach der Übernahme von S.T.D. durch die Rootes Brothers im Jahr 1935 eingestellt wurde.

Unser Fotomodell ist ein Open Tourer aus dem Jahr 1932, dessen Coachwork (wie damals üblich ein Holzaufbau mit Alubeplankung), bei Sunbeam selbst im Werk in Wolverhampton gefertigt wurde. Das mächtige Auto gehört Gerhard Rundhammer aus Bad Goisern; er hat den Wagen vor noch nicht allzu langer Zeit aus dem Nachlass eines verstorbenen Autohändlers im Bezirk Gmunden gekauft. Dort war der Wagen lange unbenutzt gestanden, was keinem Auto gut tut. Bevor Gerhard den Roadster bei der K&K Wertungsfahrt in Bad Ischl 2021 erstmals vorführen konnte, war viel Detailarbeit notwendig. Was wir hier nicht erzählen müssen, weil der „Rundi“ das viel besser selber kann: in einem Videoclip am Youtube Kanal.

