Die Reise eines Ritters auf zwei Rädern
Autor: Text: Leo Höld | Photos: Archiv Vacano und Leo Höld
Speedway-Staatsmeister Wilfried „Friedl“ Vacano
In den 1950er- und 60er-Jahren prägte Wilfried Vacano gemeinsam mit Legenden wie Fritz Dirtl, Josef Kamper und Josef Bössner die goldene Ära des österreichischen Speedway-Sports. Den Höhepunkt seiner Karriere markierte das Jahr 1961, als er sich zum österreichischen Speedway-Staatsmeister krönte. Wilfried Vacano, am 14. März 1939 in Wien geboren, entstammt dem erblichen Adelsstand. Seine Vorfahren führten den Titel „Ritter von“ nebst Familienwappen – eine Tradition, die mit dem österreichischen Adelsaufhebungsgesetz von 1919 ihr offizielles Ende fand. Die Familie Vacano war international weit verzweigt. Ihre Spuren reichen von Deutschland, Italien und Russland bis ins heutige Tschechien.

Bis heute wird im russischen Samara das „Original Vacano Bier“ gebraut. Die Brauerei geht auf den österreichischen Kaufmann Alfred von Vacano zurück, einen Großonkel von Wilfrieds Großvater. Bei seinen Besuchen in den Jahren 1996 und 1998 wurde Wilfried Vacano dort ehrenvoll empfangen und fand die Familientradition in der exzellenten Qualität des Bieres fortgeführt.
Wilfried Vacanos Vater, Victor Ritter von Vacano, wurde 1887 in Krems geboren. Er verstarb 1971 und wurde auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt.

Im Januar 1946 explodierte beim Spielen eine Handgranate – ein unsachgemäß entsorgtes Kriegsrelikt – in den Händen des siebenjährigen Wilfried Vacano. Er erlitt schwere Verletzungen an beiden Beinen und Händen. Trotz seiner massiven Wunden schleppte sich der Junge vom Unglücksort nach Hause. „Der kleine Finger hing lose herab und wackelte so sehr“, erinnert sich Wilfried Vacano heute mit Schaudern zurück. Letztlich konnte der kleine Finger der rechten Hand auch nicht mehr gerettet werden.

Durch den Familienbekannten „Herrn Tomek“, der als Zeitnehmer bei Motorsportveranstaltungen tätig war, erhielt Wilfried Vacano die Gelegenheit, Motorradrennen in verschiedenen Städten zu besuchen. So wurde er in Korneuburg (1951) und Krems (1953) Augenzeuge der außergewöhnlichen Fahrkünste des späteren Motorrad-Weltmeisters Rupert Hollaus aus Traisen. Auch im September 1954, als Hollaus in der Wiener Votivkirche verabschiedet wurde, gehörte Wilfried Vacano zu der großen Trauergemeinde, die dem Ausnahmefahrer die letzte Ehre erwies.

Zwischen 1951 und 1955 besuchte Wilfried das traditionsreiche Piaristengymnasium in Krems, das bis heute in seinem historischen Barockgebäude beheimatet ist. Darauf folgten die Jahre 1955/56 am Wiener TGM. Sein damaliger Klassenvorstand war Professor Reinisch. Der gebürtige Burgenländer war als „Speedway-Papst“ bekannt und organisierte Rennen, die regelmäßig bis zu 20.000 Zuschauer anzogen.
Im Jahr 1956 brach Wilfried Vacano seine Ausbildung am TGM ab – entgegen dem Wunsch seines Vaters, der für seinen Sohn eine solide Ingenieurslaufbahn statt einer unsicheren Karriere als Rennfahrer vorgesehen hatte. Dieser Entschluss belastete das Verhältnis über Jahre schwer. Erst lange nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn fand der Vater anerkennende Worte für die motorsportlichen Erfolge seines Sohnes. Die Erinnerung an diese späte Wertschätzung ist für Wilfried Vacano bis heute ein zutiefst bewegender und sehr emotionaler Moment.

Trotz intensiver Suche blieb Wilfried Vacano eine Lehrstelle als Motorradmechaniker zunächst verwehrt. Er fand schließlich eine kaufmännische Ausbildung beim namhaften Motorrad-Importeur Königer (Horex, Maico, Victoria, BSA, Ariel) am Stubenring, der zudem eine Filiale in der Wiener Liechtensteinstraße betrieb.
Wilfried Vacanos Talent für den Speedway-Sport wurde an einem verschneiten Wintertag mitten in Wien durch einen glücklichen Zufall entdeckt: Er war gerade dabei, sein Fahrrad gekonnt durch den Schnee driften zu lassen, als er die Aufmerksamkeit von Herrn Gruber erregte. Gruber, selbst ein Kenner der Szene und Zeitungszusteller, erkannte das außergewöhnliche Gefühl für die Kurve sofort. Bei einem Fachgespräch im nahegelegenen Milchgeschäft vertieften die beiden ihre Leidenschaft. Gruber, der privat eine Puch S4 und eine JAP 250 besaß, erkannte das Potenzial des jungen Talents. Er war es schließlich auch, der Vacano zu ersten Probefahrten motivierte und ihm seine Puch S4 für einen Tag auf der Sandbahn (eine Sand-Rennstrecke für Pferde und Motorsport) in Oeynhausen überließ.

Der Grundstein war gelegt, das Rennfieber geweckt. Was jetzt noch fehlte, war die passende Maschine. Doch die 1.000 Schilling, die Wilfried Vacano bis 1957 mühsam erspart hatte, reichten bei Weitem nicht aus. Erst die großzügige Unterstützung des Wiener Kraut- und Salzgurkenhändlers Karl Grün („Saukreitler“ aus dem 17. Bezirk) machte den Traum wahr: Mit seiner Finanzierung von 6.000 Schilling konnte Vacano Josef Kamper eine gebrauchte – man könnte fast sagen antike – Speedway-Maschine abkaufen. Wenn Vacano heute daran denkt, schmunzelt er: „Dieses Nachkriegsmodell hatte gefühlt 17 verschiedene Fahrgestellnummern.“ Damals waren diese Boliden standardmäßig mit 500-cm³-Motoren bestückt, und als treuer Begleiter zu den Rennen diente ein klassischer Borgward.

Von Anfang an lief es sehr gut. 1957 startete er erstmals in der Nachwuchsklasse in Bruck an der Mur und fuhr auf Anhieb auf Platz zwei.
Aufgrund dieses Erfolgs in der Nachwuchsklasse und der Verletzung eines Fahrers im Hauptbewerb erlaubte der Veranstalter Vacano auch den Start im Hauptrennen – heute würde man wohl von einer „Wildcard“ sprechen. Nach einem völlig unerwarteten zweiten Platz (bei 14 Startern) bekam Wilfried Vacano nach dem Rennen erstmals Gegenwind im Fahrerlager zu spüren. Ein erfolgreicher, etablierter österreichischer Fahrer meinte sinngemäß: „Du kannst nicht vor uns fahren.“ Das ist natürlich nur die geschönte Version dieses damals vom Erfolg verwöhnten Fahrers. Das Mitwirken des jungen Fahrers hatte in den folgenden Rennen einige sehr hart geführte Läufe zur Folge.

Das 5. Rennwochenende von Wilfried Vacano war bereits ein internationales Rennen in Maribor im heutigen Slowenien.
Im Jahr 1959 wurde mit einem Maico Motorrad ein kurzer Abstecher ins Motocross-Lager probiert. Wilfried heute: „Da musste man 50 Schilling Startgeld zahlen und fürs Speedwayfahren bekam man Geld.“ Somit war nach vier Rennen mit Motocross auch schon wieder Schluss.
Zwischen 1957 und 1962 bestritt Wilfried Vacano zahlreiche nationale und internationale Rennen. Seine Maschinen bereitete er dabei in Eigenregie vor. Er war stolzer Fahrer des österreichischen Speedway-Nationalteams und blieb auch nach seiner aktiven Karriere dem Sport treu: Jahrelang begleitete und unterstützte er das Speedway Center Austria als Gast und Förderer.
Die genaue Zahl seiner Erfolge lässt sich heute nicht mehr ganz genau beziffern. Fest steht: Mit rund 30 Rennsiegen sowie zahlreichen Podestplatzierungen blickt Wilfried Vacano auf eine beeindruckende Bilanz zurück.
Den absoluten Zenit seiner Karriere markierten der österreichische Staatsmeistertitel im Speedway 1961 und die Rennsiege bei den Sandbahnrennen in Baden, wo tausende applaudierende Besucher für eine unvergessliche Kulisse auf den Tribünen sorgten.
Verheiratet ist Wilfried Vacano seit 1961 mit seiner Annemarie. Wilfried und Annemarie haben zwei Töchter sowie fünf Enkelkinder.

Nach der motorsportlichen Laufbahn wurde vom Gemüsegeschäft bis zum Würstelstand einiges probiert, bis Wilfried Vacano zusammen mit seiner Gattin Annemarie von Dezember 1970 bis 1984 erfolgreich eine Motorrad-Verkaufs- und Reparaturwerkstatt in Stein bei Krems und Mautern betrieb. Seinen Kunden kam dabei die Erfahrung aus dem Motorsport sehr zugute, besonders bei Einstellungen der Maschine, Optimierung der Motoren und allem was damit zusammenhängt. Über die Jahre hindurch wurden auch sehr viele Motorräder der Marken, JAWA, Yamaha, Suzuki, Kawasaki, Laverda, Ducati, Vespa, BMW, Gilera, Puch, KTM, Honda (Importeur war damals die Firma Faber in Wien) im Hause Vacano vertrieben.
Was zu Beginn der Zusammenarbeit mit BMW-Motorrädern kaum vorstellbar war, entwickelte sich diese Partnerschaft im Nachhinein gesehen zur angenehmsten, erinnert sich Wilfried Vacano heute gerne zurück.
Ihren wohlverdienten Ruhestand genießen Wilfried Vacano und seine Gattin Annemarie heute in Aggsbach Markt. Der Motorsport begleitet nach wie vor Wilfrieds Leben. Er verfolgt das aktuelle Motorsportgeschehen über TV-Berichte, Fachmagazine und Bücher. Gelegentlich lässt er es sich zudem nicht nehmen, bei ausgewählten Veranstaltungen persönlich vor Ort dabei zu sein.

