Vom Marchfeld über Houston bis zum Mond

Autor: Text: Christian Klösch (TMW) | Photos: Copyright NASA


Das Leben von George M. Low (1926–1984)

Vor 100 Jahren – am 10. Juni 1926 – wurde in Angern an der March in Niederösterreich Georg Wilhelm Löw (später George M. Low) geboren. Als Manager im Apollo-Programm und Chef der NASA war er in den 1960er- und frühen 1970er-Jahren maßgeblich am Erfolg der Mondlandungen beteiligt.

Als das Magazin „Time“ die drei Besatzungsmitglieder der Apollo-8-Mission, Frank Borman (1928–2023), Bill Anders (1933–2024) und James Lovell (1928–2025), die zu Weihnachten 1968 als erste Menschen überhaupt den Erdorbit verließen und zum Mond aufbrachen, zu den „Men of the Year 1968“ ernannte, holten sie auch George M. Low stellvertretend für die 400.000 Mitarbeiter:innen des Mondprogramms der NASA vor den Vorhang. 

Der amerikanische Weltraumhistoriker und Lows Biograph Richard Jurek geht in der Beurteilung der Leistungen von Low noch weiter: Ohne ihn wäre das Apollo-Programm der NASA nie zustande gekommen und auch nie erfolgreich beendet worden. Bis heute ist der deutschstämmige Raketentechniker Wernher von Braun (1912–1977), der sowohl für Adolf Hitler die V2-Rakete als auch für die USA die Saturn-V-Mondrakete konstruierte, einer breiteren Öffentlichkeit besser bekannt als der in Österreich geborene Jude Georg Löw.

 

Jüdische Flüchtlinge treffen auf Nazi-Raketentechniker Im Rahmen der „Operation Paperclip“ der Amerikaner kamen nach 1945 etwa 120 deutschsprachige Raketenwissenschaftler in die USA. Weniger bekannt ist, dass auch deutschsprachige jüdische Emigranten beim Apollo-Mondprogramm mitwirkten und dabei auch mit ihren deutschsprachigen ehemaligen Landsleuten mit NS-Hintergrund zusammenarbeiten (mussten). So auch Georg Wilhelm Löw, der sich in den USA George M. Low nannte. Die Familie Löw lebte im Marchfeld, wo Georg die Volksschule in Gänserndorf besuchte. Vor 1938 waren die Löws eine bedeutende Industriellen- und Unternehmerfamilie in Österreich und hatte weitreichenden landwirtschaftlichen Besitz im Marchfeld. Dazu gehörten auch die beiden Schlösser in Matzen und Angern.

Die Vertreibung der Familie Löw aus Österreich Nach dem „Anschluss“ Österreichs an Hitler-Deutschland verschafften sich die Nationalsozialisten Zugriff auf das in- und ausländische Vermögen der Familie Löw. Obwohl katholisch, galten sein Großvater Wilhelm Löw, dessen Frau Franziska und deren Töchter Marianne Hamburger und Gertrud Löw mit ihren Kindern Eva, Stephan und dem damals 12-jährigen Georg als Juden nach den Nürnberger Gesetzen. Anfang Oktober 1938 konnte die Familie unter Zurücklassung des Großteils ihres Vermögens in die Schweiz flüchten. 

 

Neuanfang in den USA Von Zürich aus floh Georgs Mutter mit ihren drei Kindern in die USA. Sein Vater Arthur Löw war bereits 1934 in Wien an Krebs verstorben. Die Familie erwarb eine Farm im Bundesstaat New York, doch Georg entwickelte eine besondere Vorliebe zu Technik und Mathematik und besuchte schon bald das „Rensselaer Polytechnic Institute“ in Troy, New York. Noch während dieser Zeit wurde er zwischen 1944 und 1946 zur US Army eingezogen. Nach Abschluss seines Studiums 1949 erhielt er eine Anstellung als Luftfahrtforscher beim „National Advisory Committee on Aeronautics“ (NACA), der Vorgängerorganisation der 1958 gegründeten NASA. Mit deren Gründung wechselte Low nach Washington, D.C., wo er sich zunächst um die kaufmännische Seite des Mercury-Projekts – dem ersten astronautischen Raumfahrtprogramm der USA – kümmerte. Bei seinen Mitarbeiter:innen war er als der Workaholic mit dem „grünen Stift“ bekannt, der morgens schon lange vor allen anderen im Büro war und abends als Letzter ging. Lows Liebe zum technischen Detail und sein beinahe fotografisches Gedächtnis wurden legendär. Jedes Papier, das durch sein Büro ging, las er und wurde mit seinem „Grünstachel“ bearbeitet, kommentiert und korrigiert.

“We choose to go to the moon” … Nach dem Desaster in der Schweinebucht – der gescheiterten US-Invasion Kubas – und dem ersten Flug ins All von Juri Gagarin (1934–1968) am 12.  April 1961 suchte der neu gewählte Präsident John F. Kennedy (1917–1963) nach etwas, das den USA neue Hoffnung und eine Aufbruchstimmung geben sollte. Es waren George M. Low und seine Kommission, die dem Präsidenten Daten und Argumente lieferten und ihn davon überzeugten, dass die USA noch in den 1960ern die Mondlandung anstreben sollten.

 

… bis zur Apollo-1-Katastrophe Viel entscheidender für den Erfolg der Mondmission war jedoch Lows Rolle nach dem Desaster von Apollo 1: Am 27. Jänner 1967 kamen drei Astronauten bei einem Brand in der Apollo-Kapsel ums Leben. Die Katastrophe stürzte das Mondprogramm in eine tiefe Krise. Zur Rettung des Projekts wurde George M. Low im April 1967 zum Leiter des Krisenteams ernannt.

Lows Antwort auf das Chaos war radikal: Er schuf ein Gremium, das jeden Freitag so lange tagte, bis das jeweilige Problem gelöst war. In 90  Sitzungen debattierte es 1.697 Änderungen und setzte das Raumschiff buchstäblich neu zusammen. Low forderte von Ingenieuren und Firmen absolute Offenheit, am Ende jedoch entschied immer er. Low selbst arbeitete bis zu 16 Stunden täglich an der Grenze der Erschöpfung.

Apollo 8 Obwohl diese Akribie den Zeitplan um Monate verzögerte, war die Apollo-Kapsel im August 1968 fertig und ebenso wie die Saturn-V-Rakete startbereit – nun fehlte einzig noch die Mondlandefähre. Als im Sommer 1968 Geheimdienstberichte über einen kurz bevorstehenden sowjetischen Mondflug eintrafen, handelte Low sofort: Er schlug die kühne Apollo-8-Mission vor. Ohne Landefähre, nur mit Kapsel und Versorgungsteil, sollten drei Astronauten erstmals zum Mond aufbrechen und ihn umrunden.

 

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