The Rivals

Autor: Text & Photos: Benjamin Buchta & David Kames


Epic Racing Duels

Anfang Juli gibt es im Vereinigten Königreich einiges zu erleben: Wimbledon, Silverstone, die Londoner Pride. Doch ein Event war für unsere Gastreporter der klare Favorit: Goodwood Festival of Speed organisiert von Charles Gordon-Lennox, 11. Herzog von Richmond. Hier ein kurzer Bericht.

Zwei unterschiedliche Beziehungen zum selben Ereignis, die an einem Wochenende gegenüberstanden und zugleich den ultimativen Test für dieses Spektakel darstellten. Einerseits „Erwartung trifft Realität“ bei David, der seit seiner Kindheit Goodwood manchmal intensiver, manchmal weniger intensiv aus der Ferne verfolgt hat und lange davon geträumt hat, es erleben zu können, und andererseits „Kindheitserinnerung trifft Gegenwart“ bei Benni, der Goodwood schon als Kind erleben durfte.

Tag Eins

Bei strahlendem Sonnenschein, Temperaturen über 30 Grad und viel Staub sind wir auf einer Wiese, die zum Parkplatz umfunktioniert wurde, angekommen. Die erste Überraschung ist die Zahl der Gäste. Obwohl wir eine gesunde Mitte zwischen Frühaufstehern und Langschläfern bilden, kommen wir an einem Parkplatz mit tausenden Autos vorbei – und das an einem Donnerstag, der nicht zu den stärksten Tagen des Festivals zählt. Ein Spaziergang, der stellenweise durch die Vorfreude zum Galopp wird, führt uns zum Eingangstor, das wir trotz der Zuschauermengen schnell und problemlos passieren.

Gleich nach dem Tor wartet das erste Spektakel, das eigentlich nicht zum Kernprogramm gehört: der „Performance“-Parkplatz, auf dem Gäste mit leistungsstarken oder besonderen Fahrzeugen parken und diese zugleich zur Schau stellen können. Neben zahlreichen Sportwagen stehen auch Exoten wie ein Volvo 760 in einer tiefergelegten Stretch-Limo-Version.

Vom Parkplatz nähern wir uns dem Goodwood House von hinten, passieren Foodtrucks, die alles bieten, was das kulinarische Herz begehrt, bleiben kurz bei der Fan-Zone-Stage stehen, um einem Live-Interview mit Casey Stoner, der 2007 den ersten MotoGP-Titel für Ducati geholt hat, zuzuhören, und erfahren, dass Ducati das 100-jährige Bestehen der Marke am Festival of Speed feiert. Voller Vorfreude auf das Rennspektakel beim Goodwood House, wo die größte Zuschauertribüne an der 1,9 km langen Hill-Climb-Strecke steht, lassen wir die Fan-Zone hinter uns und spazieren weiter.

Bereits auf dem Weg zum Goodwood House sehen wir von weitem die jährlich wechselnde Skulptur „Central Feature“ vor dem Anwesen; die Marke Singer, die in diesem Jahr im Zentrum des Festivals steht, wird durch die Skulptur zelebriert. Drei vom Singer modifizierte 911er aus den 90ern, die teilweise kopfüber an der Skulptur vorm historischen Gebäude hängen, bieten ein spektakuläres Bild. Der kalifornische Porsche-Veredler hat am verlängerten Wochenende einige seiner 911er vorgeführt, die seine kurze Geschichte repräsentieren. Gegründet 2009 vom Musiker und Designer Rob Dickinson, hat sich Singer schnell in der Szene einen Namen gemacht – durch kompromisslose Qualität und einzigartige Fahrleistungen. 

Während wir Fotos schießen und unseren Blick nach oben zu den hängenden Singer-Porsches richten, hören wir eine Le-Mans-Legende auf der Rennstrecke: den Ford GT MKII. Das diesjährige Leitthema in Goodwood war „The Rivals – Epic Racing Duels“ und bezieht sich, unter anderem, auf das 60-jährige Jubiläum des Ford-vs-Ferrari-Duels sowie auf das 50. Jubiläum des Formel-1-Titelkampfes zwischen Lauda und Hunt. Beide sind Geschichten über Rivalität, die durch Hollywoodverfilmungen nicht nur bei Motorsportfans zum Kult geworden sind. 

Hollywoodreif präsentiert wurde auch die größte Überraschung des verlängerten Wochenendes, fast rechtzeitig zum 250. Jahrestag der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung biegt vor unseren Augen plötzlich ein Konvoi aus Legenden des amerikanischen Motorsports (NASCAR- sowie IndyCar-Boliden, Cadillac LMP1, Ford GT), gefolgt von einem driftenden Subaru Brat (1978) mit Travis Pastrana am Steuer, von der Rennstrecke ab und parkt direkt vor dem Anwesen bei dröhnendem Rock’n’Roll. Ein paar Sekunden später das große Feuerwerk und die sensationelle Nachricht: Goodwood goes America! Die Premiere des neuen Eventformats ist für 2028 geplant und soll am Willow Springs Raceway in Kalifornien stattfinden. Zwei riesige Fahnen, links die Union Jack und rechts die Stars and Stripes, hängen am Haus.

Auch passend zum Thema Rivalität: In diesem Jahr wurde ein neuer Rekord für den größten Herstellerstand beim Festival of Speed von BYD aufgestellt. Naturgemäß zeigt der chinesische Konzern wenig Geschichte und Tradition, dafür viel Zukunft. Das schnellste straßenzugelassene Auto der Eigenmarke Yangwang, der Yangwang U9 Extreme, hat auf dem ATP-Automobilprüfgelände in Papenburg eine Höchstgeschwindigkeit von 496,22 km/h erreicht.

Doch nicht nur bei BYD gibt es viel zu bewundern; wir verbringen den restlichen Tag mit dem Besichtigen der Hypercar-Sektion und der Herstellerstände von Cupra, Porsche, BMW M GmbH und vielen weiteren. Zufällig laufen wir an Kimi Antonelli vorbei, der gerade ein Gruppenfoto mit den MechanikerInnen des Erzfeindes Ferrari schießt. Den späten Nachmittag lassen wir bei einem Kaltgetränk neben der Hill-Climb-Strecke ausklingen und schauen der Motorsportgegenwart und Geschichte beim Bestreiten der Strecke zu.

Tag Zwei

Die Morgenroutine wird am zweiten Tag beschleunigt, um einen Parkplatz, der näher am Eingang liegt, zu ergattern. Heute führt unsere Strecke allerdings nicht durch die Fanzone. Anstatt bergab in Richtung des Hauses und des Starts der Hill-Climb-Strecke zu gehen, spazieren wir entlang der Strecke bergauf in Richtung der Ziellinie. Unser heutiges Ziel liegt nämlich in den Wäldern nordöstlich vom Goodwood House und bietet ein Programm, das wir vor unserer Anreise nicht wirklich am Schirm hatten.

Abseits des Hill-Climb gibt es nämlich zwei weitere Strecken und die dazugehörigen Paddocks. Die Offroad-Arena beheimatet sowohl Dakar-Werksfahrzeuge als auch Boliden kleiner Rennställe für unterschiedlichste Offroad- und Dirt-Track-Rennserien. Die Forest Rally Stage hingegen zeigt alles, was die Rally-Geschichte zu bieten hat. Von den legendären Group-B-Fahrzeugen wie Audi Sport Quattro S1, Lancia Delta S4 oder Peugeot 205 T16 Evo 2 bis hin zu Zeitgenossen wie dem Toyota GR Yaris Rally 1.

Nach dem ersten Tag zwischen polierten Oldtimern, Hypercars, Rennfahrzeugen und Formel-1-Boliden, mit perfekter Kurvenlage, ist der heutige Tag im Zeichen von Staub, Schotter, Steinen und Sprüngen, bei denen die Dämpfer und Federn aufs Maximum beansprucht werden.

Die Entscheidung, nicht den Öffentlichen- Personen-Nah-Verkehr von Goodwood in Form von traktorengezogenen Anhängern mit bequemen Bänken zu nehmen, sondern den Fußweg zu gehen, wird nicht nur durch verbrannte Kalorien belohnt. Die Gehwege verlaufen an der Rally-Strecke vorbei, und es gibt zahlreiche Spots für spektakuläre Aufnahmen. So genießen wir den Sound jedes vorbeifahrenden Autos und freuen uns über jede Staubwolke, die uns beim Schießen der Fotos und Videos eindeckt.

Beim Start und Ziel der Rally angekommen schauen wir uns im Paddock um und bewundern die ausgestellten Fahrzeuge. Neben dem großen Auftritt von Subaru, dem diesjährigen Sponsor der Rally-Sektion, fällt uns auch ein Zelt des Armed Forces Rally Teams auf, das schon seit den frühen 60er-Jahren aktiv ist. Zudem lernen wir, dass die Armed Forces in zahlreichen On- und Offroad-Klassen antreten. Wir verabschieden uns von den Soldaten und den am Start wartenden und schwitzenden Rally (Co-)PilotInnen und wandern wieder Richtung Goodwood House. Am Weg bleiben wir noch an der Offroad-Arena stehen und gönnen uns einen Energydrink auf der Monster-Energy-Tribüne. Diese minimalistische Konstruktion erinnert auch an Hollywood – diesmal an Mad Max. Statt eines Daches gibt es ein Tarnnetz, und eine überdimensionierte Anlage spielt elektronische Musik von einem DJ, der seine Nase und seinen Mund durch ein umgebundenes Tuch vor der Staubbelastung schützt. Knapp angezogene Umbrella Girls tanzen zur Musik. Uns überzeugt die Tribüne vor allem durch die strategische Positionierung. Während auf der einen Seite ein Red Bull Racing Formel-1-Wagen (Honda RB19) Richtung Zielgerade düst, sieht man auf der anderen einen Buggy auf Basis eines Land Rovers, der gerade nach einem Sprung landet und bereits in die nächste Kurve driftet.

Ungern verlassen wir dieses lautstarke Paradies, um uns noch die Shopping Area anzuschauen. Hier gibt es alles, was das Herz begehrt! Ein Goodwood-T-Shirt und ein Sticker für die Vespa kommen mit. Für begabte Schrauber gibt es eine Vielzahl an Tuningteilen und für betuchte Individualisten einige Veredler, die ihre getunten Fahrzeuge präsentieren. Wir entscheiden uns gegen die beige G-Klasse im Safari-Kolonialisten-Look mit weißen Reifenrändern und gehen noch einmal zum Start, wo das Team von McLaren gerade nervös den Start ihrer Formel aus dem Jahr 2023 vorbereitet.

Wie am ersten Tag beenden wir unseren Tag mit einem Drink und dem Beobachten der Rennstrecke. Unser Smartwatch-„Tacho“ zeigt nach den zwei Tagen in Goodwood 35 zurückgegangene Kilometer und wir lassen noch kurz das Review passieren, was wir alles erlebt haben.

Fazit Wie hat sich Goodwood als Veranstaltung in unserem Test geschlagen? Goodwood hält dem Mythos stand, er übertrifft ihn sogar. Egal, ob man die Realität mit der konstruierten Erwartung oder der Erinnerung aus der Kindheit gegenüberstellt: Es ist ein Event der Superlative, bei dem eine Zusammenstellung von allem, was in der Welt des Motorsports zählt, geboten wird. Alle Fahrzeuge, die da sind, werden sowohl statisch als auch auf der Rennstrecke präsentiert, und wer bei Preisschildern, die zum Teil weit ins Siebengstellige gehen, absperrt, liegt falsch. Hier kann man jedes Auto im Detail inspizieren und auf Tuchfühlung gehen.

Eine Veranstaltung bringt an einem verlängerten Wochenende über 200.000 Motorsportbegeisterte in einer einzigartigen Atmosphäre zusammen. Strahlende Gesichter, positive Stimmung, Offenheit und geteilte Passion – unabhängig vom Status oder der Herkunft. Wir freuen uns auf das nächste Mal und sind bereit, auch die Premiere in Kalifornien unter die Lupe zu nehmen.


 

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