Wovon ein seltener Vogel zwitschert:

Autor: Dr. Robert Krickl


die einmalige Geschichte eines „Avis“ Kleinwagens

Österreich hat eine große Geschichte im Bereich des Automobilbaus, die bis in dessen früheste Anfänge zurückreicht. Einige Erzeugnisse, wie unter anderen von Austro Daimler, Steyr oder Puch, erfreuen sich ungebrochen hoher Beliebtheit in Ausstellungen und sogar regelmäßig auf Oldtimer-Veranstaltungen. Blickt man historisch darüber hinaus, eröffnet sich eine unglaublich facettenreiche Landschaft an kleinen, teilweise sehr innovativen Herstellern in der Alpenrepublik – die jedoch großteils Opfer des kollektiven Vergessens wurden. Von einem diesbezüglichen Paradebeispiel wollen wir hier erzählen. Haben Sie schon einmal von der Marke „Avis“ (das lateinische Wort für Vogel) gehört? Falls nicht, sind Sie heutzutage kein Einzelfall – vor hundert Jahren hätte man Sie als Autokenner*in dafür schief angesehen…

Pionierleistungen „Made in Austria“

Im Jahr 1924 nahm unter großem internationalen Aufsehen die erste neue Flugzeugfabrik der Republik Österreich ihren Betrieb auf. Diese stand jedoch nicht wie viele heute vermuten würden etwa in Wiener Neustadt oder Wien… sondern in Brunn am Gebirge (Bezirk Mödling, Niederösterreich). Als österreichisches Gegenstück zum bekannten Junkers-Konzern in Deutschland schickte man sich hier bei „Avis“ an, ganz groß in die mannigfachen Bereiche der sich gerade etablierenden Zivilluftfahrt einzusteigen: Flugschule, Luftpost, Luftbildaufnahmen, Luftlinienbetrieb, Flugmotorenentwicklung, Luftfahrzeugbau und noch einiges mehr. Noch vor Junkers brachte man hier eines der ersten dreimotorigen Zivilmaschinen der Welt in die Luft – das erste Großflugzeug „Made in Austria“, das bis heute einige Rekorde hält. Doch so beeindruckend diese und andere Leistungen auch waren, erfüllten sich die Träume der heimischen Luftfahrtpioniere dennoch aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen in der Ersten Republik nicht. Während man sich aus der Luftfahrt 1928 weitgehend zurückzog, konnte man noch auf das zweite Standbein der Firma bauen: die Automobilsparte. Auch hier hatte man versucht, neue Wege in Konzeption und Produktion zu gehen: oberste Philosophie war die Optimierung des Preis-Leistungs-Verhältnisses. Die Wagen sollten in erster Linie erschwinglich und dabei so effizient wie möglich sein. Damit gehören sie zu den heimischen Wegbereitern der Demokratisierung des Automobilismus, d.h. dass Autos nicht mehr nur der Oberschicht vorbehalten waren sondern auch der breiten Masse als Transportmittel zur Verfügung standen. Damit traf „Avis“ den Puls der Zeit und bald prägten die kleinen Personen- und Lieferautos das Straßenbild der Zwischenkriegszeit. Letztlich machten aber auch hier nicht zuletzt die Folgen der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren der Fabrik ein Ende. Der Ressourcenhunger des Zweiten Weltkriegs und der Besatzungszeit führte gemeinsam mit der schlechten Erhaltbarkeit der verbauten Materialien (in klassischer Gemischtbauweise kam hier etwa noch viel Holz zum Einsatz) letztlich dazu, das die Erzeugnisse aus Brunn am Gebirge praktisch vollständig das Zeitliche segnete – und die Leistungen des Unternehmens der Vergessenheit anheimfielen.

Langer Dornröschenschlaf endet mit einem Sensationsfund

Fast ein Jahrhundert später, weiß selbst am einstigen Produktionsstandort Brunn am Gebirge, defacto niemand mehr von den innovativen Erzeugnissen von einst. Dem dort verwurzelten Heimatforscher und Wissenschafter Robert Krickl tat es derart in der Seele weh, dass diese teilweise sogar mit dem Einsatz des eigenen Lebens bezahlten heimischen Leistungen der Pioniere unbekannt und ungewürdigt waren, dass er sein Leben fortan der historischen Aufarbeitung und Zugänglichmachung des Wissens  widmete. Er organisiert laufend Schulprojekte, Ausstellungen und veröffentlichte alle Forschungsergebnisse in Artikeln und auch einem umfangreichen Buch zum Thema. Dass noch eines der Autos von damals aus dem Dunkeln der Geschichte auftauchen könnte, war der größte Traum – an dem man jedoch aufgrund der verschwindenden Wahrscheinlichkeit nicht zu hoffen wagen durfte… Zwar gab es laufend Meldungen von sehr vielen vermeintlichen Exemplaren, die sich jedoch bei näherer Betrachtung allesamt als Fabrikate ähnlichen Namens – vornehmlich der vergleichsweise bekannten britischen Marke Alvis – entpuppten. Kurz vor dem 100. Jubiläum des Unternehmens konnte er jedoch den Fund seines Lebens machen: einem weiteren Hinweis war er bis zu einer Scheune in den Alpen gefolgt, als die Türe knarrend aufging fiel er vor lauter Ergriffenheit auf die Knie. Vor ihm stand das tatsächlich ein „Avis“, den er ohne nachzudenken kaufte weil die Geschichte nur ein mögliches Handeln forderte: dieses Stück Technikgeschichte wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Phönix aus der Asche

Bis dahin war es allerdings ein weiter Weg. Der Zahn der Zeit hatte dem Fahrzeug gehörig zugesetzt. Über viele Jahrzehnte hatten sogar allerhand Tiere darin gehaust, wie im Innenraum verstreute Nahrungsreste belegten. Die Verantwortung war enorm, handelt es sich bei dem Artefakt doch um den einzigen bisher bekannten Vertreter der Type 2 bzw. 3 (diese wurden aufgrund der geringen Unterschiede nach außen hin kaum differenziert), dem ersten Serienauto aus Brunn. Die Restaurierung musste daher mit größter Professionalität und bester wissenschaftlicher Begleitung erfolgen. Den perfekten Partner fand man in Pitten (Bezirk Neunkirchen, Niederösterreich): Die Expert*innen von CraftLab gehören zur absoluten Weltspitze wenn es um die Restaurierung oder Nachbau historischer Flug- und Fahrzeuge geht. Schraube für Schraube wurde das Gefährt behutsam auseinandergenommen und eingehend untersucht. Dabei stellte sich Verblüffendes heraus: die Konstrukteure bei „Avis“ hatten aus der wirtschaftlich bedingten Materialnot eine Tugend gemacht und konnten auch viel Leichtbau-KnowHow aus der Luftfahrtsparte des Unternehmens einfließen lassen. Sie beschritten ganz neue Wege, das Resultat war eine völlig eigenständige Konstruktion, die ganz aus ihrem zeitlichen Kontext heraussticht. Analysen erhaltener Farbschichten enthüllten die ursprüngliche Farbe des Lacks, der zusammen mit den Experten von Glasurit wieder bestmöglich hergestellt wurde. Es grenzt an ein Wunder, dass die meisten Originalteile gerettet und wieder funktionsfähig gemacht werden konnten. Begleitet wurde der umfangreiche Restaurierungs- und Konservierungsprozess von OCC, für die Elektrik sorgte die Raytech Group deren Zentrale sich heute fast genau dort befindet wo vor einem Jahrhundert die „Avis“-Flugzeuge abhoben. Zweifelsfrei hat es sich ausgezahlt: durch die mehrjährigen Arbeiten in die so viel Herzblut geflossen war, konnte ungeahnt viel bisher Unbekanntes über Zwischenkriegstechnologie gelernt werden.

In kurzer Zeit in aller Munde

Als es schließlich so weit war, dass das Auto wieder nach bestem Wissen und Gewissen den äußerlichen Zustand seiner Werksauslieferung wiedergab, durfte es das nächste Highlight erleben: Es wurde ausgewählt, die Sonderbriefmarke der Österreichischen Post in der Serie „Autos“ im Jahr 2025 zu zieren. Seit 2011 erfolgt in dieser Reihe jährlich die Herausgabe einer Marke mit einem österreichischem Fabrikat. Das Sonderpostamt fand am 13. Juni im Veranstaltungszentrum der Marktgemeinde Brunn statt, also in jenem Ort wo genau vor einem Jahrhundert diese „Avis“-Fahrzeuge gefertigt wurden. Viele Interessierte kamen von Nah und Fern für das einmalige Erlebnis, darunter auch viele Kinder, denen Heimatkunde und Verständnis für historische Fahrzeuge anschaulich vermittelt werden konnte. Da diese Zeilen geschrieben werden, liegt in jedem Postamt in Österreich eine Briefmarke mit dem Auto in der Briefmarken-Auslage. Ob die Mitglieder der „Avis“-Werke, die vor einem Jahrhundert selbst zu den Pionieren der Luftpostbeförderung und Aerophilatelie zählten, jemals damit gerechnet hätten…

Doch nicht nur wortwörtlich kam der „Avis“ allein schon durch das Ablecken von Briefmarken in aller Munde, sondern auch im übertragenen Sinn. Ein weiterer historischer Zufall führte im November 2025 zu einem der wohl prominentesten Ausstellungsplätze für ein historisches Fahrzeug in Österreich: Direkt neben dem Eingang des Museum Niederösterreich in St. Pölten war bisher nichts geringeres als die Staatslimousine der Republik Österreich – ein Mercedes-Benz 600 Pullman aus dem Jahr 1964 – ausgestellt gewesen. Nun ersetzt sie hier der „Avis“ als einmaliges Zeugnis des Automobilbaus „Made in Austria“. Dem großen Ziel das am Anfang der Rettung dieses Stücks Geschichte stand, es der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen und damit Interesse an heimischer Mobilität und Inspiration für kommende Generationen zu schaffen, ist man nun einen großen Schritt näher gekommen. Noch aber ist einiges zu tun. Im Hintergrund wird heftig gearbeitet, das Fahrzeug auch wieder voll fahrfähig, mit singendem Motor der „roaring twenties“ auf die Straße zu bringen. Nun, 2026 steht das Fahrzeug vor der größten Aufgabe: Es soll eine 100jährige Sportschuld bei der „Mutter aller Rallyes“ begleichen – erfahren Sie hierzu mehr in der nächsten Ausgabe…

Infos unter: www.avis-werke.at

Wer kann helfen?

Haben Sie selbst Unterlagen, alte Bilder, Dokumente, Artikel,… über „Avis“? Der Wissenschafter Dr. Robert Krickl dankt enorm für alle Informationen zu diesem und verwandten Themen der heimischen Luftfahrt- und Automobil-Geschichte und bittet vielmals um Kontaktaufnahme zur Vervollständigung der Forschungslage.
 

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