Drive like an Egyptian: der NSU Ramses

Autor: Redaktion


Lizenzvertrag über Teilepakete des NSU Prinz mit ägyptischer Firma

Es ist ein eher ausgefallenes Projekt, jedenfalls aus heutiger Sicht: der NSU vom Nil. Im Rahmen einer Liefer- und Montagelizenzvereinbarung exportiert NSU in den 1960er und 1970er Jahren Teile des NSU Prinz nach Ägypten, wo der NSU Ramses entsteht. Trotz einer Bauzeit von 13 Jahren bleibt es bei einer Miniserie. Und doch sorgte der Ramses für große Euphorie und Enthusiasmus im Land der Pharaonen, war damit letztlich doch der Traum verbunden, eine eigene Autoindustrie aufzubauen. Audi Tradition präsentiert den Exoten, der die Marke NSU im Namen trägt, in dieser sechsten Folge der NSU- Jubiläumsserie.

Vom Agrarstaat zum Land mit eigener Automobilindustrie: Ägypten verfolgt Anfang der 1960er Jahre ambitionierte wirtschaftliche Ziele. Im Rahmen eines Aufbauplans will der sozialistische Staat den Wohlstand im Land erhöhen und die Abhängigkeit vom Ausland reduzieren. So sollen zahlreiche, bisher importierte Konsumgüter wie zum Beispiel Kühlschränke oder Fernsehgeräte künftig vor Ort in Ägypten hergestellt werden. Auch eine Autoindustrie soll entstehen: Der Bau von Automobilen verspricht Prestige und Beschäftigung. Am Fuße der Pyramiden von Gizeh entsteht auf diese Weise ein kleines, zunächst noch sehr provisorisches Autowerk. Parallel zu den Plänen der ägyptischen Regierung ist man bei NSU auf der Suche nach zusätzlichen Einnahmequellen – da kommt die sich abzeichnende Möglichkeit, Teilepakete des Neckarsulmer Erfolgsmodells Prinz zu exportieren, sehr gelegen. Im Frühjahr 1960 treffen Vertreter der ägyptischen Industrie zu Gesprächen in Neckarsulm ein. Ziel ist ein Abkommen zur Lieferung von Fahrgestellen und Motoren des NSU Prinz an die noch junge Egyptian Automotive Company.  Beide Parteien werden sich schnell handelseinig: Schon im Juni 1960 liefert NSU die ersten Komponenten ins Land am Nil.

Wie aus dem „kleinen Prinz“ ein ägyptischer König wird

In Ägypten entsteht als Erstlingswerk in Handarbeit ein kleiner offener Geländewagen. Der Viersitzer nutzt den Prinz-Motor mit 30 PS und einem Hubraum von 586 Kubikzentimetern. Auf das ebenfalls von NSU gelieferte Fahrgestell wird eine in Handarbeit hergestellte Karosserie aufgesetzt, auch die Innenausstattung wird aufwendig manuell gefertigt. Da Maschinen und industrietypische Werkzeuge in Ägypten fehlen, entsteht ein recht eigenwillig geformtes Auto, das schon rein äußerlich die damaligen europäischen Standards im Automobilbau kaum zu erfüllen scheint. Und doch: Im Mai 1961 wird der Wagen in der Wüste auf Herz und Nieren geprüft – und kann überzeugen. Ägypten hat also sein erstes im eigenen Land gefertigtes Auto, das diesen Stolz auch im Namen tragen darf. Denn aus dem „kleinen Prinz“ wird im Land der Pyramiden ein König: der NSU Ramses.

Die Tagesproduktion bleibt zunächst überschaubar, oft sind es nur drei bis vier Wagen. Die Pläne mit dem kleinen Auto indes sind groß: Die ägyptische Regierung will die Fertigung ankurbeln, so dass in absehbarer Zeit ein Jahresabsatz von 10.000 Stück erzielt wird. Auch weitere Varianten des Ramses kommen hinzu: Zum Geländewagen, der als Typbezeichnung den Zusatz „Utilica“ erhält, gesellen sich bald eine Limousine, ein sportliches Cabriolet sowie Behördenfahrzeuge.  Die ägyptische Post zum Beispiel fährt den NSU Ramses in einer Pick-up-Version, die heimische Armee nutzt ihn als Militärgeländewagen. Im Juli 1973 endet in Neckarsulm die Fertigung des NSU Prinz 4 – und mit ihr auch der Lizenzvertrag mit der unterdessen umfirmierten Egyptian Light Transport Manufacturing Company. Wie viele Teilepakete NSU insgesamt nach Ägypten geliefert hat, lässt sich heute nicht mehr exakt nachvollziehen. Fest steht: Ein großer wirtschaftlicher Erfolg wird der NSU vom Nil – trotz hochgesteckter Ziele – nicht. Gleichwohl hat der NSU Ramses in Ägypten Geschichte geschrieben und hat auch heute noch einige treue Fahrer_innen, die die Erinnerung an das Auto und seine Historie wachhalten. Steht der NSU Ramses doch sinnbildlich für das, was der „ägyptische Traum“ der 1960er Jahre versprach: eine eigene Automobilproduktion, wirtschaftliche Prosperität und Unabhängigkeit.


 

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